Prolog

Was kann man sich hier für Titel für den Blog vorstellen: ‚Pizza-Connection zwischen Trondheim und Oslo‘ war z.B. in der engeren Wahl. Letztendlich müssen die nackten Fakten für den Titel herhalten, die im Vorfeld der Veranstaltung für einiges Kopfzerbrechen gesorgt haben. Wie soll man sich dem Ganzen nähern? Ich habe keine Vergleichswerte. Die Gedanken kreisen in jeder freien Minute vor dem Rennen nur noch um Den Store Styrkeproven, wie das Rennen offiziell heisst. Doch alle Sorgen waren vollkommen unbegründet. Stattdessen bleibt ein Gefühl unglaublicher Zufriedenheit. Auch wenn ich mich manchmal immer noch kneifen muss, ob das alles wirklich passiert ist, und nicht am Ende der Nacht ein Wecker klingelt und einen aus den Träumen reisst…

Etappe 1 – Die Vorbereitung

Alles begann am Vorabend des 24h Rennens von Zandvoort: Anne liegt mit Lungenentzündung im Bett und ich muss Zandvoort absagen, schweren Herzens, und beginne gleich mit der Suche nach neuen Herausforderungen. So kann ich das Frühjahr nicht beenden, dass bisher so prima gelaufen ist. Die Rhön ist ausgebucht, die 24h am Nürburgring sind während unseres Urlaubs, La Marmotte ist auch ausgebucht. Aus Jux und Dollerei schau ich dann bei styrkeproven.no vorbei – das ist nicht ausgebucht, und man kann sich noch anmelden. Au weia, soll ich wirklich? Jörg ist schon seit Januar angemeldet, verlockend, da müsste ich nicht alleine fahren. Seit vielen Jahren spukt mir dieses Rennen im Kopf herum, die große Kraftprobe (den store styrkeproven) zur Mittsommernacht 540 km durch Norwegen zu radeln, Wetterkapriolen inklusive. Einmal im Leben will ich das unbedingt fahren, unbedingt….

Zwei 200er Trainingsrunden später und ermutigt von meiner lieben Frau melde ich mich an – gut drei Wochen vor dem Start, mit etwa 3.000 km auf dem Rennrad in den Beinen. Viel zu wenig, glaubt man den Berichten von anderen Sportskameraden, die das www im Angebot hat. Diese Berichte beschreiben das Leiden zwischen Trondheim und Oslo auch in durchaus sehr eindrucksvoller Weise. Ja habe ich denn vollkommen den Verstand verloren, spontan und kurzentschlossen ein solches Abenteuer in Angriff zu nehmen? Zur Absicherung buche ich noch eine große Hafenrundfahrt, einen Rundumcheck bei einem Sportmediziner in Leiden. Der attestiert mir eine gute bis sehr gute Leistungsfähigkeit, alles in Ordnung, das Abenteuer kann beginnen….doch so ganz glatt läuft es dann doch nicht. Meine Lymphknoten unter den Armen machen ein paar Probleme. Und zu allem Übel habe ich mir beim Fußballspielen mit Julia 7 Tage vor dem Start noch die Adduktoren überdehnt.

Neben der physischen Vorbereitung, die ich in der Kürze der Zeit kaum sinnvoll beeinflussen konnte stand die mentale und logistische Vorbereitung im Zentrum des Interesses. Irgendwie muss ich es schaffen, in den drei Wochen bis zum Start die 540 km mit allem Pipapo in meinen Kopf zu kriegen. Unvorstellbar nach einem schönen Radmarathon über 200 km das Ganze nochmal zu fahren und dann noch immer nicht im Ziel zu sein, irre. Und auch die Ausrüstung muss stimmen. Eine Rose Bikebox ist schnell ausgekuckt als Transportmittel der Wahl, hat sich doch Jörg dafür entschieden die An- und Abreise im Flieger zu verbringen. Nach Trondheim fliegen und von Oslo zurück, für schlappe 200 EUR, unschlagbar. Dazu nur zwei Nächte im Hotel, eine in Trondheim, eine in Oslo. Macht ein schönes verlängertes Wochenende mit einer schönen Radtour durch Halb-Norwegen.

Der Rest der Ausrüstung war etwas schwieriger zu planen. Wie fahren ohne Begleitfahrzeug von Trondheim nach Oslo, müssen sämtliche Ausrüstung für alle Unbilden des Wetters, sowie einiges an Verpflegung und Werkzeug und Ersatzteile selber tragen. Rucksäcke mag ich nicht, also muss was anderes her. Letztendlich fällt die Wahl auf eine Norica Carson Satteltasche, sehr geräumig und mit einem platzsparenden Klickfix Halter der an meinem Rad noch Platz findet. Dazu einen Topeak Fuel Tank fürs Oberrohr, fertig ist der Stauraum. Der Inhalt der Taschen ist weiter unten in der Übersicht zusammengefasst. Die Raddemontage stellt mich dann vor das nächste Problem: das linke Pedal will sich nicht lösen. Ein geschrottetes Multitool, einiges Blutvergießen und 40 EUR für neues Werkzeug später gibt das Pedal den Kampf auf und ich kann mein Rad in die Kiste verpacken. Es kann losgehen…..

Etappe 2 – Die Anreise

Das Wochenende in Den Haag verspricht ziemlich verregnet zu werden, für Norwegen sieht es besser aus, aber erstmal hinkommen. Im Regen laufe ich zur Tram, also wirklich laufen, damit die Kiste nicht schon vor dem Abflug durchweicht. Die Tram verpasse ich dann fast, weil sie auf der falschen Seite der Straße hält, Baustelle sei Dank. Am Bahnhof wartet schon Jörg, die Nervosität hat ihn noch eher aus den Federn getrieben. Einchecken in Schiphol ist etwas mühsam, und bei der Sicherheitskontrolle verliert Jörg seinen nagelneuen Gabelschlüssel für die Pedale, keine Gnade. Endlich sitzen wir im Flieger. Der Anflug an Trondheim ist vielversprechend, tolle Landschaft, spektakuläre Landebahn, mitten ins Meer gebaut. Man fühlt sich wie in einem Wasserflugzeug. Jörg vergisst dann seinen Rucksack im Flieger. Das geht ja gut los, Herausforderungen schon weit vor dem Start. Mit Organisationsgeschick und unterstützt von freundlichem Flughafenpersonal bekommt er seinen Rucksack zurück.

Der Zug nach Trondheim ist zwar nicht für Bikes gemacht, aber die Fahrt ist wunderschön, immer am Meer entlang bis nach Trondheim. Im Hotel werden zunächst die Räder zusammengebaut, klappt wunderbar, von kleineren Schnittwunden mal abgesehen. Dann holen wir die Startunterlagen und bringen in Erfahrung wo und wann der LKW fürs Gepäck zu erwarten ist. Wir machen dann noch ne Probefahrt mit den Rädern. Ich brauche noch Luft für die Reifen und wir wollen uns den Start mal anschauen. Gegen 18:00 soll der LKW am Start stehen und wir machen uns mit unseren Kisten und dem ‚großen‘ Gepäck auf den Weg – und gewinnen prompt die erste Sonderwertung der diesjährigen Veranstaltung. Wir sind die ersten am LKW und unsere Kisten können sich einen Platz aussuchen.

dsc_0099

Jörg als Easy Rider in der Munkegata in Trondheim, am Vorabend des Rennens. Im Hintergrund der Dom und der Startbereich für die Styrkeproven.

dsc_0100

Pfahlbauten in Trondheim.

Danach folgen wir Jörgs guter Erfahrung mit Pizza vor dem Event, beehren einen Italiener, essen Pizza, trinken Erdinger (alkoholfrei) und essen Tiramisu. Das alles bei schönsten Wetter, Sonne satt. Die ist auch am nächsten Morgen wieder da, dazu angenehm warm. Ich entschließe mich im Sommer-Sonnenoutfit an den Start zu gehen. Die langen Klamotten bleiben in der Satteltasche. Um halb neun am Morgen des 28. Juni 2014 verlassen wir das Hotel und fahren Richtung Dom. Es ist angerichtet: eines der populärsten Radlangstreckenrennen erwartet uns, viele Fragen gilt es zu beantworten in den nächsten 24h.

Etappe 3 – Das Rennen

Neun Uhr zweiundzwanzig ist unsere Startzeit an diesem Samstag, und die haben wir einigermaßen exklusiv. Während andere Startblocks mit 50-70 Fahrern geflutet waren sind wir alleine, zwei Deutsche aus Holland genießen die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der 3 köpfigen Startcrew, und los gehts, raus aus der Stadt und auf die E6. Die wird hinter Trondheim zur Autobahn, sechsspurig, erster Berg, zu schnell angegangen. Auf der Abfahrt erholen wir uns und auch die E6 wird sympathischer zum Radfahren. Noch sind die Entfernungsangaben am Straßenrand alles andere als ermutigend, Oslo noch weit über 500 km entfernt.

Nach ner knappen Stunde tauchen die ersten Fahrer auf, von vorne und von hinten. Die erste Gruppenbildung ist möglich, um sich dem Gegenwind besser zur Wehr setzen zu können. In wechselnden Konstellationen geht’s bis zum ersten Stop, der nur zum kurzen Auffüllen der Depots dient. Das Problem: als wir gerade weiter wollen kommt die erste richtig große Gruppe von hinten, mit einem Haufen Autos im Schlepptau, dauert etwas bis sich das wieder entspannt hat. Dieser erste Stop liegt auch schon mitten im langen Anstieg zum Dovrefjell. Auf 120 km sind etwa 1.100 Höhenmeter zu überwinden. Auf dem Weg nach Oppdal geraten wir ganz überraschend in einen belgischen Kreisel. Und die Norweger nehmen uns sogar mit. Spannende Erfahrung, aber auch sehr anstrengend, man muss sich irre konzentrieren und auch ordentlich in die Pedale treten. Später lassen wir sie wieder fahren. Lieber unser Tempo fahren und die Landschaft genießen.

dsc_0103

Zweiter Stop kurz vor Oppdal. Hier machen wir etwas länger Pause, weil jetzt knapp 100 km ohne Stop folgen werden. Der lange Weg übers Dovrefjell beginnt.

Nach Oppdal beginnt der landschaftlich reizvollste Teil der Strecke. Das Fjell rückt immer näher, die schneebedeckten Berge begleiten unseren Weg. Wieder geraten wir in eine Gruppe Norweger die sich kreiselnd auf dem Weg zum Fjell machen. Wir bleiben dahinter und schauen uns das Treiben mit einer Radlänge Abstand an. Am ersten ernsthaften Anstieg nach Oppdal ist dann Belgien zu Ende und ohne kreiseln wird sich in gewohnter Norwegertaktik ganz langsam nach oben gearbeitet. Wir folgen dem Beispiel und behalten den Rhythmus auch dann bei, als die Gruppe einen Zwischenstop macht. Der Weg zum Fjell ist ein echter Genuss, phantastisch, hier fahren zu dürfen. Oben angekommen muss ein kurzer Fotostop sein. Jörg zieht sich was Warmes an, ich nicht, und bereue das ein paar Minuten später. Kalt pfeift der Wind mir um die Ohren. Ich gebe Gas, talwärts, ins Warme, oder doch anhalten und was anziehen, dann ist die Gruppe weg und Jörg auch, also weiter. Die Gruppe läuft gut und es wird auch wieder wärmer. Und dann kommen die letzten steilen Kilomter hinab nach Dombas. Ich lasse es laufen, alle anderen treten, ich nicht, und rolle allen davon. Tolles Rad!

dsc_0105

Im Hintergrund ist der Eintritt aufs Dovrefjell zu sehen, wir sind oben, am höchsten Punkt der Strecke. Von nun an gehts in der Summe nur noch bergab, aber eben nur in der Summe…

In Dombas rollen wir um 17:30 über die Zeitmessmatte, mit besten Grüßen nach Hause, wo unsere Familien dank der App des Zeitnehmers ein erstes Lebenszeichen von uns aufs iPad geschickt bekommen, toll. In Dombas haben wir auch das erste große Teilstück absolviert, dass man als Dovrefjell-Etappe bezeichnen kann: Anfahrt zum Fjell, Überfahrt des Fjells und dann die Abfahrt. Im Dombas wartet auch eine leckere Suppe auf uns, und Jörg bekommt von seinem Innenleben signalisiert, dass 200 km radeln eigentlich genug sind. Aber Jörg läst sich nicht abhalten weiterzufahren. Wir begeben uns auf Teilstück Nummer 2, ein 150 km langes Überführungsstück bis zur Bob- und Rodelbahn von Lillehammer, 150 km mit zwei Zwischenstops. Zum Glück müssen wir nicht alleine fahren, haben v.a. nach dem Stop in Kvam eine schöne Gruppenkonstellation gefunden, die uns flott gegen den Wind voranbringt. Wenn es irgendwas am Wetter auszusetzen gäbe, dann dass der Wind die ersten 350 km meist von vorne kam. Ich werde einen Teufel tun mich darüber auch nur im Ansatz beschweren zu wollen, weil es nämlich nicht geregnet hat bis hierher, phantastisch. Und schnell sind wir, der Schnitt geht wieder über 27 km/h, wir fahren seit Stunden einen 30er Schnitt, Wahnsinn. Und mittlerweile bin ich auch in absolutes Neuland vorgestoßen: noch nie in meinem Leben saß ich mehr als 11 Stunden am Stück auf dem Rad. Die 11h Marke hatte ich vor 13 Jahren beim Ötzi fast erreicht, doch hier gehts auch danach fröhlich weiter.

Kurz vor Lillehammer verlassen wir die E6 und kurz vor der erwähnten Bob- und Rodelbahn beginnen einige in der Gruppe mächtig aufs Tempo zu drücken. Wollen die die Gruppe auseinanderfahren? Was soll das? 2-3 Zyklen mache ich das mit, dann signalisiere ich Jörg, dass ich das Spiel nicht mehr mitmachen will, zu spät. Der Anstieg zur Bobbahn läutet das dritte Teilstück ein und zeigt mir die Grenzen auf, der Mann mit dem Hammer kommt kurz vorbei, sagt freundlich „Hallo“ und zwingt mich dazu abreißen zu lassen. Die Gruppe ist weg inkl. Jörg. Und so langsam wird es auch richtig dunkel, es geht auf Mitternacht zu. Zu Allem Übel kommt jetzt noch ein erster richtiger Müdigkeitsschub dazu. Jörg wartet auf mich und ‚leiht‘ mir ein Gel. Das wirkt, die Leistung kommt wieder und langsam rollen wir wieder die Gruppe auf und schaffen es bis zur Kontrolle nach Biri. Es ist 1 Uhr, ich bin fix und fertig, es ist dunkel und kalt – und nass. Ja, ein bisschen regnet es. Kaum vorstellbar, dass ich nochmal aufs Rad steige, um die letzten 160 km nach Oslo in Angriff zu nehmen. Nudeln essen, einen Kakao trinken, sich dabei von Mücken malträtieren lassen, und dann das Feldbett-Angebot des Roten Kreuzes in Anspruch nehmen. Jörg schlägt einen 30 minütigen Powernap vor, ob das reicht…ich wechsel die Klamotten, wenigstens was trockenes am Körper haben. Ich döse vor mich hin und fühle mich nach der halben Stunde tatsächlich deutlich besser, richtig gut sogar.

In Biri sind wir schon 20 km mittendrin im letzten Teilstück des Rennens, 180 sehr hügelige Kilometer zwischen Lillehammer und Oslo. Auf nasser Straße rollen wir von Biri weiter, es geht wieder, unglaublich, die Müdigkeit ist weg, die Beine verrichten ihren Dienst wieder. Es wird auch langsam hell, was die Laune weiter steigen lässt. Fröhlich plaudernd machen wir uns bei kaum Verkehr auf den Weg nach Gjovik. Die Frequenz der Verpflegungsstellen nimmt jetzt zu. Alle 25-40 km kommt ein Zwischenstop. Nach Gjovik gehts in Richtung Totenvika, wo einer der letzten richtigen Berge auf uns wartet, war aber gar nicht so schlimm. In Totenvika ist es dann endlich soweit, es gibt Fischsuppe, aber nich für uns, brrrrr. Ein Sportskamerad sitzt wie eine Wachsfigur im Zelt des Roten Kreuzes, die Erschöpfung der Teilnehmer ist aller Orten spürbar. Bei mir kommt die Müdigkeit zurück und verlangt nach dem nächsten Koffeingel – das wirkt. Bei Jörg machen sich jetzt Motivationsprobleme bemerkbar, keine Lust mehr auf die letzten 100 km. Ich helfe so gut ich kann und wir nähern uns unaufhaltsam der norwegischen Hauptstadt. Auf dem letzten Abschnitt warten dann nochmal einige Berge, erst 4 Kuppen dicht hintereinander. Dann gehts zum letzten Mal auf die E6, eine Spur der Autobahn ist für uns reserviert. Bergauf rollen wir eine Gruppe nach der anderen auf. Die Zeitmessmatte liegt dann 2 km vor dem Ziel, 1-2 Hügel weiter gehts dann hoch zum Ziel. Es ist geschafft. Ich bin überwältigt, weiß nicht wohin mit meinen Gefühlen, mit Worten nicht zu beschreiben. Das alles in weniger als 20 Stunden reiner Fahrtzeit bei gesamt weniger als 24 Stunden. Wer hätte das gedacht, unfassbar…die Easy Riders am Ziel der Träume.

dsc_0113

Die Easy Rider am Ziel ihrer Träume, wir haben es geschafft!!!

computer

Sowas kann man nicht einfach wieder nullen: Distanz, Durschnittsgeschwindkeit und Fahrzeit der großen Kraftprobe 2014.

results

Offizielle Ergebnisse, mit allen Zwischenzeiten, Pausen inklusive.

Etappe 4 – Oslo und Abreise

Nach einem kleinen Imbiss am Ziel verpacken wir unsere Räder und fahren mit Taxi zum Hotel. Die Dusche tut richtig gut. Und dann gehts darum, den Tag zu überstehen ohne einzuschlafen. Wir gehen durch Oslo spazieren, und enden bei einem Italiener, wo wir die Pizza-Connection vervollständigen. Bei Pizza und Tiramisu und Bier (mit Alkohol) feiern wir den Erfolg. Die Schmerzen in den Beinen nehmen im Verlauf des Tages kräftig zu, Treppensteigen ist eine echte Herausforderung, Schuhe binden ebenso… Zurück im Hotel ist es noch immer nicht Abend, und so kommt was kommen muss, wir schlafen ein. Als wir wieder zu uns kommen, ist die erste Halbzeit zwischen Holland gegen Mexiko schon fast rum. Später werden wir wieder richtig wach und gehen noch in die Hotelbar zum Fußballschauen. Den ganzen Tag erzählen wir uns unseren Film des Rennens, wieder und wieder verarbeiten wir die Erlebnisse. Es ist soviel passiert…Bis auf meinen Mind-the-gap-faux-pas verläuft die Heimfahrt dann problemlos. Mit Rucksack auf dem Rücken und Bikebox in der Hand verpasse ich am Flughafen die Stufe und rutsche zwischen Zug und Bahnsteig, autsch.

Epilog

Die Take-Home-Message des Rennens ist eindeutig: Trondheim-Oslo braucht keine monatelange Spezialvorbereitung sondern ist auch kurzfristig machbar. Während viele schon im Winter buchen und sich mit Brevets auf die Distanz vorbereiten, habe ich nichts dergleichen gemacht. Eine weitere Message: man muss nicht bergfest sein. Die Berge in Norwegen zwischen Trondheim und Oslo haben mit den Bergen in Rhön, Ardennen oder Alpen nichts zu tun, verlangen eine andere Fahrweise, sind nicht zum Klettern gemacht. Slow and steady wins the race – geduldig und diszipliniert fahren, bergauf und bergab, nie in den roten Bereich gehen, nie zu kraftbetont fahren – das sind unsere Zutaten für eine erfolgreiche Langstreckenpremiere.

Noch ein paar Details zur körperlichen Befindlichkeit: Während ich im Trainingsalltag regelmäßig mit eingeschlafenen Füßen und Lendenwirbelproblemen zu kämpfen habe, war davon rein gar nichts zu spüren. Spannend auch der Fakt, dass der Puls irgendwann nicht mehr richtig nach oben zu schieben war. Selbst an Bergen mit Druck im Wiegetritt bin ich am Ende kaum über 150 Schläge gekommen. Im ausgeruhten Zustand wären das mal locker 170-180 Schläge gewesen. Ab 200 km wurde es immer schwieriger zu essen, Banane und Energieriegel gingen gar nicht mehr. Um überhaupt noch Energie zuzuführen, habe ich auf kalorienhaltige Getränke gesetzt. Das war zwar irgendwann richtig bäh, aber besser als essen allemal. Letztendlich haben sich die körperlichen Beschwerden im Hintergrund gehalten und bis auf die eine massive Krise zwischen Lillehammer und Biri gings mir richtig richtig gut, unglaublich bei der Strecke.

Man muss außerdem konstatieren, dass wir richtig Glück mit dem Wetter hatten. Bei 5°C weniger und Dauerregen wird das eine ganz andere Nummer, sicher noch um einiges schwerer. Und noch ein paar Worte zur Technik: keine Panne, keinen Unfall, nix, die Räder liefen prima von A bis Z, echt klasse.

Und die offiziellen Ergebnisse: Platz 951 von 1236 gewerteten Fahrern in 23:22:03 Stunden. Insgesamt sind knapp 100 Deutsche am Start, und wir im Mittelfeld der deutschen Starter. Der Sieger der Veranstaltung ist nach 13:27 Stunden mit nem 40er Schnnitt in Oslo angekommen, da waren wir gerade mal in Kvitfjell. Aber wir hatten dafür noch eine echte Mittsommernachtsfahrt, das hatte auf jeden Fall was, möchte ich auch nicht missen. Im abendlichen Mischlicht Richtung Lillehammer und am Morgen im Sonnenaufgang am Mjosa See entlangzufahren – unschlagbar.

Danksagung: Sich bei meiner Frau für die Lungenentzündung zu bedanken ist wohl ziemlich unpassend, ohne die wäre ich aber nie auf die Idee gekommen. Trotzdem gilt mein Dank meiner lieben Frau, die mich bei der Entscheidung pro-styrkeproven maßgeblich unterstützt hat. Was nicht selbstverständlich ist, sieht man den zeitlichen Aufwand in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung sowie den finanziellen Aufwand von etwa 1.000 EUR für Flüge, Hotels, Teilnahmegebühr und Ausrüstung. Die zweite entscheidende Person ist Jörg, ohne den ich erstens nicht gebucht hätte, zweitens so kurzfristig nie die Vorbereitung hätte stemmen können, drittens das Rennen nicht so entspannt überstanden hätte und viertens weit weniger Spaß an der Sache gehabt hätte. Tusen takk!!!

Organisation: Dafür gibts nur ein Wort – Wahnsinn. Sämtliche Kreisverkehre waren perfekt gesichert, freie Fahrt für Langstreckenradler, auch nachts, mit Leuchtstäben wurde der Weg gewiesen. Die Verpflegungsstellen waren super ausgerüstet, s.u. für das vielfältige Menü. Überall war auch das Rote Kreuz im Einsatz, und v.a. im zweiten Teil der Strecke mit Feldbetten und Wolldecken für Ruhesuchende ausgerüstet. Das Gepäck wurde sicher von A nach B gebracht und in einer Eishockeyhalle am Ziel aufgereiht, ganz toll. Und zur Krönung hat uns der vorletzte Kontrollposten kurz vor dem Ziel dann später noch ein Taxi organisiert, auf eigene Kosten. Das Taxi war dann tatsächlich groß genug, um uns mitsamt Gepäck und Bikeboxen ins Zentrum zu befördern. Dickes, dickes Lob!!!
Verpflegung on the road: 2 Energieriegel, 2 Proteinriegel, 3 (Koffein)Gels, 1 Banane, 2 Snelle Jelle

Verpflegung an ‚Matstasjoner‘:

  • Soknedal Nord (65 km): 1 Banane
  • Oppdalsporten (107 km): Melone, 1 Käsebrot, Bouillon
  • Dombas (199 km): 2x ‚Minestrone‘, 1 Banane
  • Kvam (264 km): 1 Nutellabrot, 2x Kuchen
  • Kvitfjelltunet (307 km): Gemüesuppe, 1 Nutellabrot
  • Biri (383 km): Bolognesenudeln, 2x Kakao
  • Gjovik (409 km): Tomatensuppe, 1 Nutellabrot
  • Totenvika (435 km): 1 Nutellabrot
  • Minnesund (472 km): Rhabarbersuppe
  • Klofta (510 km): Kuchen, Bouillon
  • Oslo (540 km): Hühnerbein mit Kartoffelsalat, Coke
  • dazu Isogetränke, Saftmischgetränke, Wasser in rauhen Mengen


Ausrüstung:

  • Am Körper: Helm, Brille, Unterhemd, Trikot, Hose, Socken, Schuhe, Kurze Handschuhe, Pulsgurt, Pulsuhr
  • Trikottasche: Powerbar, Isobar, Powergel, Weste, Armlinge, Kopftuch
  • Satteltasche: Kopftuch, Unterhemd, Trikot, Hose, Socken, Kurze Handschuhe, Lange Handschuhe, Beinlinge, Regenhose, Überschuhe, Jacke, Fleecemütze, Rettungsdecke, Sitzcreme, Feuchttücher, Taschentücher, Klopapier, Isotabletten, Handy, Bargeld
  • KV Karte, Ausweis, Bankkarte, Kreditkarte
  • Oberrohrtasche: Multitool, Kabelbinder, Schloss, Schlauchreperaturset, Sicherheitsnadeln, Batterien, Leukoplast, 2 Schläuche
  • Rahmen: 2 Flaschen, Luftpumpe, Lampen, Schutzblech vorn, Computer