Es war ein netter Zufall, und zum Zeitpunkt der Entscheidung für Urlaubsort und -zeit noch nicht bekannt: Zielort der 14. Etappe der Tour de France am 19.7.2014 war Risoul, gerade einmal einen Pass von unserem Urlaubsdomizil entfernt. Gute Gelegenheit, sich das weltweit größte jährliche Sportevent aus der Nähe anzuschauen. Logistisch war es dann aber doch etwas schwierig, zumal sich das Wetter verschlechtern sollte. Eigentlich wollte ich mit dem Rad auf den Col de Vars, runter nach Guillestre, weiter zum Col d’Izoard, und dann auf der Original Rennstrecke erst zurück nach Guillestre und dann hoch nach Risoul. Nach dem Ende des Rennes gegen 17:30 wollte ich dann wieder runter nach Guillestre und über den Col de Vars zurück nach Jausiers. Ziemlich heftiges Programm, 170 km, etwa 4,000 Höhenmeter und 4 Pässe, bis spät in den Abend hinein. Ich habe dann etwas eingespart und das Auto auf dem Vars geparkt, ein Pass weniger, 800 Höhenmeter weniger, und keine (mögliche) Regenabfahrt. 

Der Aufstieg zum Izoard von Guillestre beginnt gemächlich, etwa 15 km leicht bergan. V.a. der erste Teil ist landschaftlich spektakulär, enge Schlucht, überhängende Felsen. Der eigentliche Anstieg beginnt für mich etwa 2 km vor der Kreuzung mit der D947, ist von hier ziemlich genau 16 km lang. Fährt sich anfangs sehr schön, doch nach Arvieux wirds so langsam steiler. Ab kurz vor Brunissard sind das dann locker 8-9%. Die danach einsetzenden Serpentinen bringen ein bisschen Abwechslung, ohne dass es wirklich flacher wird. Drei Kilometer vor der Passhöhe sind dann fast kaum noch Höhenmeter da, toll – aber zu früh gefreut. Es geht rechts um die Kurve und bergab – in ein atemberaubendes Fels- und Gerölltheater, bis rüber zum Coppi-Bobet Gedenkstein. Bei derartiger Landschaft kann man sich ja kaum über die Zwischenabfahrt ärgern, muss dann aber die verlorenen Höhenmeter wieder nachholen. 

 

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Felstheater kurz vor dem Gipfel des Izoard (CC BY-SA).

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Die Bergwertung am Izoard steht schon, viele Wohnwägen auch, und mehr und mehr Radler treffen ein (CC BY-SA). Nach exakt 90 min sind die 16 km geschafft und ich bin oben. Auf der Passhöhe ist ordentlich was los, die Bergwertung ist schon eingerichtet, die Linie wird gerade gezogen, überall Wohnmobile, Polizei und natürlich Radfahrer en masse. Ein Snickers und ne Cola einwerfen, ein paar Fotos gemacht und zurück geht es nach Guillestre. Es lief gut bis hierher, und ich kann mir jetzt Zeit lassen, die Profis sind noch nichtmal gestartet, ich habe immer noch ordentlich Vorsprung. Zeit lassen auf der Abfahrt ist aber schwierig, v.a. auf den steilen Geraden zwischen Brunissard und Arvieux kann man es richtig krachen lassen. Mittlerweile ist das ne halbe Völkerwanderung, was da an Wanderern und Radlern den Berg hochkriecht.

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Am Fuß des Anstiegs nach Risoul, die letzten gut 12 km bergauf für die Profis an dem Tag, für mich auf dem Rückweg auch der Fuß des Col de Vars, in meinem Rücken…(CC BY-SA).

Zurück in Guillestre ist erstmal Zwangspause angesagt. Eigentlich wollte ich zügig weiter, doch irgendwo auf der Straße nach Risoul ist ein Lieferwagen liegengeblieben, muss abtransportiert werden, keiner darf hoch. Netter Radlerstau am Fuß der Bergstraße. Zwanzig Minuten später wird die Straße wieder freigegeben, und von Radlern überflutet. Ich komme gut voran, das tolle an diesen Skistationszufahrten ist ein gleichmäßig steiles Profil, Alpe d’Huez machts vor. Einmal den Rhythmus gefunden, kann man gut durchfahren. Das Ziel rückt immer näher, ziemlich cool die TdF Kilometermarkierungen selbst zu durchfahren, um dann unter dem Teufelslappen kurz zu stoppen. Noch einen Kilometer zum genießen, denkste Puppe, 250 m vor dem Ziel stoppt ein Mann in grün alle Radfahrer. Es dauert einen Moment bis ich verstehe was los ist. Der Typ hat offensichtlich Order die Straße zu räumen, egal um welchen Preis, angeblich kommen die Teamfahrzeuge (Busse und LKW) gleich durch. Keiner darf auf der Straße zurückfahren ins Tal, wir müssen hinter der Absperrung talwärts, auch wenn man da gar nicht laufen kann, ist dem Typen völlig egal. Wer sich wehrt wird mit Gewalt hinter die Absperrung befördert, auf Räder wird kaum Rücksicht genommen. Ja haben die denn ne Meise, so ein Arschloch, sich so aufzuführen, was haben die dem denn gegeben, dass er so aggressiv zu Werke geht. Und dabei sind weit und breit keine Teambusse zu sehen, das große Heer der Busse kommt etwa 90 min später den Berg hinaufgeschnauft. Komplett bescheuert, Entschuldigung, meine Meinung. Mir fallen spontan mindestens zwei Alternativen ein, wie man dem Ansturm der Radler vernünftig hätte Herr werden können. Ist ja wohl keine Überraschung, dass hier Hobbyradler unterwegs sind, da kann man sich doch drauf vorbereiten. Das ist für die größte Radsportveranstaltung der Welt schlicht und ergreifend unwürdig, ganz mies organisiert! So komme ich also nicht in den Genuss des Zielbogens, stehle mich dann 200 m weiter talwärts wieder über die Absperrung, als mich der Gorilla nicht mehr sieht, und fahre ganz entspannt und ohne irgendwelche Störungen durch Teamfahrzeuge bergab.

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Teufelslappen in Risoul, 1 km to go, doch das erlaubt man mir nicht…(CC BY-SA).

An einer Bushaltestelle etwa 4 km oberhalb Guillestre beziehe ich Quartier für die nächsten Stunden, weil ich erstens hier ein Dach über dem Kopf habe falls es wie erwartet regnen sollte, und weil zweitens nebendran eine gastronomische Einrichtung mit fester und flüssiger Nahrung wirbt, beides sehr willkommen. Von nun an heisst es warten. Die Werbekarawane vertreibt die Zeit, die Leute jagen die kleinen Geschenke und feiern die besten Marken, tolles Spektakel. Dann wartet alles mit Spannung auf die Profis. Nebendran läuft ein Computer mit Livestream, prima Service, so kann man gut abschätzen wann sie kommen, und in welcher Konstellation. Die Flugzeuge und Helikopter sind die ersten Vorboten. Dann kommt Rafal Majka von Tinkoff Bank – Saxo Bank mit 40 Sekunden Vorsprung durch, noch nie gehört von dem Kerl. Dahinter die jagende Meute mit Nibali. Danach immer wieder versprengte Fahrer und Kleingruppen, bevor das Gruppetto kommt, mit Kittel und Greipel. Gerade noch rechtzeitig, um im Livestream den Zieleinlauf zu sehen. Majka hat es tatsächlich geschafft, wohl sein erster Profisieg. Hätte ich nicht gedacht. Kleines Kuriosum am Rande: das letzte Profirennen, dass ich live an der Strecke verfolgt habe war das Amstel Gold Race 2013. Und mit Kreuziger hat damals wie heute ein Tinkoff Bank – Saxo Bank Profi gewonnen. Offensichtlich bringe ich den Jungs Glück.

 

Die schönste Geschichte des Tages schrieben aber ein tasmanisches Ehepaar (beide >70 Jahre alt) und Richie Porte, seines Zeichens Radprofi beim Team Sky und nach dem Ausscheiden von Froome die letzte Hoffnung des Teams auf eine gute Gesamtplatzierung. Tags zuvor hat sich die Hoffnung zerschlagen und auch in Risoul kam er abgeschlagen ins Ziel. Die Tasmanier und Porte kannten sich und die beiden Radsportfans aus dem fernen Tasmanien feuerten Porte dementsprechend an, mit Fahne, mit persönlicher Ansprache an der Strecke. Porte quittierte dies mit einem Lächeln, was wiederum die Tasmanier, mit denen ich mir den Beobachtungsposten an der Bushaltestelle teilte, richtig glücklich gemacht hat. Irgendwie rührend, auf jeden Fall mein Bild des Tages, der lächelnde Porte und der strahlende Tasmanier…

Jetzt aber wieder aufs Rad und heimwärts. Der Regen hat sich verzogen, und trockenen Fußes erreiche ich die Talsohle. Hier beginnt gleich der Aufstieg zum Col de Vars, knapp 20 km und 1.200 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Von der Abfahrt am Morgen kenne ich die Tücken und bin gut vorbereitet. Bis zur Hälfte ist alles sehr prima, steil, aber gleichmäßig, mit einigen Serpentinen. Ich komme gut in meinen Rhythmus, obwohl es noch sehr schwülwarm ist und die Fliegen mich umschwärmen. Die zweite Hälfte durch die vielen Ortsteile von Vars inklusive Skistation sind sehr unrhythmisch, immer wieder unterbrechen Flachstücke oder kurze Abfahrten die Bergfahrt, bäh. Es geht trotzdem erstaunlich gut voran, keine Rückenschmerzen, und langsam wirds auch angenehm kühl und der Gegenwind vertreibt die Fliegen. Nach 1:43 h ist es geschafft, ich bin oben und kann mein Rad nebst Fahrer in das bereitstehende Auto verladen. Mittlerweile ist es kurz vor acht, knapp 12 h sind seit der Abfahrt vergangen, Tribut an die Tour de France. Tolles Spektakel, tolle Unterhaltung, wenn nur die unprofessionelle Organisation für Hobbyradler im Zielbereich nicht wäre…