Alle guten Dinge sind drei, am Mittwoch (23.7.2014) stand die dritte Bergetappe in neun Tagen auf dem Programm. Und jede Etappe führte über drei Cols oder Bergstraßen, also neun Cols an neun Tagen, und insgesamt mehr als 10.000 Höhenmeter, nicht schlecht. Und die dritte Bergetappe war nun die Königsetappe. Mit mehr als 4.000 Höhenmetern kondensierte sie die Gesamtanstiege der Styrkeproven auf weniger als ein Drittel der 540 km von Trondheim nach Oslo – nur mal so zum Vergleich.

Der erste Pass (Col de Larche) war ein Leichtgewicht: inklusive Anfahrt von Jausiers waren auf 24 km gerade mal 750 Höhenmeter zu überwinden, prima zum Einrollen. Das größte Problem: Zwischen dem Fuß der Passstraße und Meyronnes sind Radfahrer unerwünscht. Der Grund scheint mir ein gerade mal 300 m langes Stück Straße durch ein Bergsturzgebiet zu sein. Hier gibt es auch für Autos eine Ampelregelung, die die Durchfahrt im Zweifelsfall versperrt. Warum Motorradfahrer passieren können aber Radfahrer nicht, erschließt sich mir nicht. 

 

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Blick vom Col de Larche Richtung Italien (CC BY-SA).
Obwohl der Larche ein Autopass ist, also ein Transitpass zwischen Frankreich und Italien, geht es an diesem Morgen ruhig zu, kaum Autos, noch weniger LKW, toll. Landschaftlich auch nicht so schlecht und ab Larche auch eine echte Bergstraße mit durchaus ansprechenden Steigungsprozenten. Nach 1:22 h bin ich auf der Passhöhe und begebe mich auf die 31 km lange Abfahrt nach Pratolungo. Fährt sich sehr angenehm. Nach insgesamt knapp 55 km biege ich rechts ab, Richtung Frankreich, Richtung Col de Lombarde. Hier gilt es doppelt so viele Höhenmeter wie am Larche zu überwinden bei gerade mal 21 km, ein klares Indiz für einen Giganten unter den Alpenpässen.

In mehreren Kehren schraubt sich die Straße auf 2 km die Felswand rauf, um in ein Hochtal zu gelangen. Dieses Tal geht es etwa 8 km hinauf, immer dem rauschenden Fluß folgend. Immer wieder sind auch ein paar Serpentinenstücke zur Abwechslung eingestreut. Nach dem nun folgenden 2 km langen Flachstück durch einen weiten Talkessel geht es wieder steil in einen Lärchenwald. Etwa 3 km nach Abzweig zum Santuario di Santa Anna lichtet sich der Wald und wenig später ist die Passhöhe schon zu sehen. In einem Wechsel aus Flachstücken und kurzen Steilstücken werden die letzten Höhenmeter überwunden, geschafft, exakt 2 Stunden. Ich bleibe dabei, ein absolut toller Pass, landschaftlich wie sportlich.

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Blick vom Col de Lombarde zurück nach Italien (CC BY-SA).
Kurze Pause und dann gehts in die steile Abfahrt via Isola 2000. Ähnlich einfallslos wie der Name ist auch das Skigebiet selbst. Von all den Skigebieten die ich bisher gesehen habe (im Sommer) ist das glaube ich das hässlichste. Schnell weiter, aber die Straße bergab lässt das nicht wirklich zu. Ziemlich schlechte Straße, sehr steil, schwierig zu fahren. Aber berghoch möchte ich hier niemals nie fahren. Ist sicher eine Herausforderung, aber keine schöne. 

Ab Isola gibts nen Radweg nach St Etienne. Drei Kilometer vor dem Ort teilt sich die Straße, Radfahrer bleiben rechts am Fluß, Autofahrer geradeaus bergauf. Was nun, wohin gehts zum Col de la Bonette, dem dritten und letzten Pass des Tages. Ich folge der Autostraße, bergauf kann ja schonmal nicht schlecht sein. Nur geht es 2 km und 130 Höhenmeter später wieder runter, rein nach St. Etienne. Toll, hätt ich doch unten bleiben können. In St. Etienne tanke ich nach, wasch mich ein wenig und dann beginnt der eigentlich Aufstieg zum Bonette. Nach 430 Höhenmetern auf 15 km zwischen Isola und St. Etienne folgen nun 1.700 Höhenmeter auf 24 km.

Seit Pratolungo haben sich Wolken über die Berge geschoben, genau zu dem Zeitpunkt als es in Jausiers anfing zu regnen, aber davon wusste ich nichts. Stattdessen hatte ich prima Wetter zum bergfahren, schön schattig. Das änderte sich am Bonette, leider. Die ersten Tropfen fielen als ich noch 20 km bis zur Passhöhe hatte, und ab 15 km vor dem Bonette öffneten sich die Schleusen des Himmels. Cats and dogs, ziemlich kräftig, was ist das, die Ausläufer eines Gewitters, ein Schauer, Dauerregen…noch habe ich 1,5 Stunden bis zum Pass, vielleicht hört es ja wieder auf. Stehenbleiben und warten bringt nicht viel, nass bin ich eh und solange ich fahre bleibe ich auch warm, also weiter. 

Fährt sich echt prima, der Bonette, gleichmäßige und angenehme Steigung. Durch die Höhe von 2802 m fährt man auch lange über der Baumgrenze und kann die Szenerie genießen, selbst bei dem Wetter. So langsam mache ich mir Gedanken über das weitere Programm, der Regen wird nicht weniger. Restaurants auf der Passhöhe gibt es nicht, nix zum Aufwärmen und Umziehen. Ich lege mir verschiedene Pläne zurecht, wie ich schnellstmöglich in trockene Klamotten und dann zurück nach Jausiers komme. Ich durchbreche die Wolken, für 2 km absolute Waschküche. Dann sehe ich wieder klarer, und helleren Himmel vom Ubayetal aufziehen, Hoffnung…

 

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Camp des Fourches am Tag nach meinem Aufstieg (Überfahrt mit dem Auto) – bei deutlich besserem Wetter (CC BY-SA).

Das Camp des Fourches ist nochmal ein echtes Highlight auf der Fahrt nach oben, wie ein Dorf, und die Straße geht mittendurch. Wäre ein Foto wert gewesen, aber nicht bei dem Wetter. Dann ist der Restefond erreicht, der eigentliche Passübergang ins Ubayetal. Nicht hoch genug für die höchste Straße Europas, weswegen man noch den Cime de la Bonette mit einer Straße umbaute, bis auf 2802 m Höhe. Meine größte Sorge war der Wind, kommt der auf wirds kritisch und ich muss sofort via Restefond runter. Es gab aber kaum Wind, und auch der Regen ließ nach und hörte schließlich auf. Also rum um den Cime de la Bonette. Nach 2,5 h seit St. Etienne und 200 m vor dem Gipfel stoppe ich und ziehe mich um. Man bin ich froh, dass ich einen halben Kleiderschrank spazierenfahre. Mit Taschentüchern reibe ich mich trocken und ziehe mich komplett um. Warm und trocken verpackt fahre ich die letzten 200 m auf den Gipfel zum Aufwärmen und stürze mich dann ins Tal. Tolle Abfahrt, selbst bei nasser Straße, und mit jedem Meter wirds wärmer. Ich bin ziemlich ziemlich erleichtert als ich schließlich am Fuß der Passstraße zu unserem Appartment einbiege. Nach einer warmen Dusche und leckerer Fischsuppe zum Abendessen geht es mir deutlich besser.

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Blick zurück von oberhalb des Camp des Fourches auf ein paar Kilometer der Passstraße am Bonette (CC BY-SA).

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Gipfelstein am Cime de la Bonette, mit Blick zurück Richtung Mittelmeer, tief hängende Wolken in den Nebentälen, aber freie Sicht am Bonette. Viel höher gehts hier nicht mehr…(CC BY-SA).

Wahrlich königlich die Etappe. Knapp neun Stunden saß ich im Sattel. Die Berge fuhren sich aber prima, ging deutlich besser als noch vor einer guten Woche. Von den insgesamt neun Pässen waren immerhin fünf Newcomer dabei, Erstbesteigungen für mich. Und auch wenn das Wetter bescheiden war, der Bonette von Süden ist echt toll, macht Spaß. Hat sich gelohnt, das Rad mit in den Urlaub zu nehmen. Ein Dank an dieser Stelle an meine Familie, für die Unterstützung meiner Eskapaden. Das war jetzt aber die letzte lange Tour für dieses Jahr, genug der Langstreckenhighlights.