Ich glaube man findet in Deutschland keinen anspruchsvolleren Radmarathon als den Rhön Radmarathon, was die Höhenmeter und die Dichte derselben betrifft: in der Extrem hoch zwei Variante gilt es 4.800 zu klettern, auf 248 km. Da findet man selbst in den Alpen nicht so viel mehr (z.B. der Ötzi hat 5,500 Höhenmeter). In der Rhön verteilen sich die Höhenmeter auf 6 große Berge und etwa 11 ‚kleinere‘ Anstiege. Aber auch dazwischen gibts noch den einen oder anderen Hügel, eine wahre Achterbahn (siehe die Übersicht am Ende des Beitrags, und natürlich das Höhenprofil auf der Website des Veranstalters).

Start war am Pfingstsonntag (wie immer) um 6 Uhr in der Früh. Ein paar Minuten vorher finde ich Jörg im Festzelt, gerade noch rechtzeitig um pünktlich aufzubrechen. Hätte ein paar Grad wärmer sein können, aber ansonsten perfektes Radfahrwetter, kein Vergleich zum letzten Jahr, wo sich der Tag zu einem Tag mit Rekordhitze entwickelt hatte. 

Die erste Stunde gehts quasi wieder zurück nach Hause: drei Anstiege auf dem Weg nach Neuhof, nur ein paar Kilometer von meinen Eltern entfernt. Ungewohnt war das, mal wieder auf richtigen Straßen zu fahren, wo man in Holland genügend Radwege und einsame Straßen zur Auswahl hat, über die man die Radfahrer schicken kann. 

Immerhin 638 Höhenmeter sind bis zur ersten Kontrolle nach 42 km schon absolviert, und das mit nur ‚kleineren‘ Anstiegen, z.B. 100 Höhenmeter auf 3 km. Leider ist die Kontrolle nicht mehr in den Rhön-Sprudel Hallen, das war immer ziemlich cool, aber vermutlich nicht genug Platz für die Meute, die sich auf dem Weg durch die Rhön befindet.

Zwischen Kontrolle 1 und 2 warten die ersten drei der großen Bergwertungen, insgesamt 1.171 Höhenmeter sind auf den 47 km bis Bischofsheim zu überwinden. Los gehts mit der Ebersburg: was den Ardennen ihre Redoute ist der Rhön die Ebersburg. Vielleicht nen Tick flacher, aber statt 50 km vor dem Ziel zieht sie einem schon 50 km nach dem Start den Zahn – wenn man darauf nicht vorbereitet ist. Mir ging es heute ziemlich gut dort hoch, Jörg weniger und so verliere ich ihn.

Die Wasserkuppe ist ein schöner Anstieg, lang, aber gleichmäßig und nur mäßig steil, macht Spaß. Genau wie die Abfahrt, auf breiten und guten Straßen kann man es richtig krachen lassen. Dann gehts zum ersten Mal auf die Hochrhön, leider nicht via Schwedenschanze, die mir persönlich sehr gut gefällt. Die Abfahrt nach Bischofsheim ist geblieben, vorbei an alten Erinnerungen aus der Studentenzeit. Kontrolle 2 wartet in Bischofsheim, und ich muss nur 3 Minuten warten bis Jörg wieder aufschließt. Im gehts nicht so gut, aber er will es weiter versuchen.

Bei phantastischer Kuchenauswahl kann man sich gut stärken, dazu das gesamte Angebot an Sportgetränken aus dem Hause Rhön Sprudel, toll. Auf den folgenden 20 km kann man richtig Gas geben. In einer guten Gruppe geht es zügig das Überführungsstück bis zum nächsten großen Berg. Wir sind wieder auf Kurs, d.h. Schnitt über 25 km/h, was uns in weniger als 10h Gesamtfahrzeit zurück nach Bimbach bringen sollte. 

Den zweiten Anstieg zur Hochrhön Richtung Rotes Moor bin ich noch nie gefahren, sehr schöner Berg, mäßig steil, ein paar Serpentinen. Dazu sieht man jetzt immer mehr bekannte Gesichter um sich herum. Beim philosophieren über die letztjährige Hitzeschlacht und weitere mögliche Anstiege, die die Organisatoren in den Kurs hätten einbauen könnten vergeht die Zeit wie im Flug. Auch Jörg kann jetzt gut mithalten am Berg, es geht ihm langsam besser, toll.

In Fladungen wartet dann die Warmverpflegung, Nudeln mit Tomatensoße und/oder Gulaschsoße. Prima Sache, kostet nur leider viel Zeit, aber dazu später mehr. Endlich ist es jetzt auch warm genug, dass Armlinge und Windweste im Trikot verschwinden können. Dann gehts auf zur dritten und letzten Hochrhönbesteigung, auf zum Schwarzen Moor. Schwarz ist aber nicht nur das Moor, sondern auch der Himmel, es wird doch wohl nicht…doch es wird, es fallen die ersten Tropfen während wir uns nach oben arbeiten. Oben wird die Weste wieder ausgepackt, um zumindest oben rum auf der Abfahrt einigermaßen trocken zu bleiben. Für die Füße gibts kein Pardon, Kneippkur inklusive. Im Tal angekommen wird die Straße aber plötzlich von einem Meter zum nächsten furztrocken, kein Regen mehr, na wer sagts denn.

Der letzte große Berg ist der Ellenbogen, durch Frankenheim insgesamt 9 km bergauf. Und ich erinner mich, der ist unangenehm, nur warum. Die Straße ist es, schlecht und rau, rollt nicht gut, was auch bergauf die Sache nicht leichter macht. Und plötzlich ist Jörg vorne und fährt mir weg, ist halt doch ein Langstreckler, nach 150 km hat er sich gefangen. In Kaltensundheim kommt dann die Sonne raus, es wird richtig warm, Thüringen…

Das Stück zwischen der Kontrolle in Kaltensundheim und der in Gotthards wird mir von Jörg als ziemlich hart versprochen, obwohl das Streckenprofil das nicht wirklich hergibt. Aber ich muss ihm Recht geben, 5 mal geht es hoch und runter, zum Teil ziemlich steile Dinger die hier eingestreut sind. Da schmeckt die Bockwurstsemmel in Gotthards gleich nochmal so gut. Nur Jörg drängt etwas, mit Blick auf die Uhr, warum eigentlich. Ok, vom 25er Schnitt sind wir mittlerweile ein ganzes Stück weg, aber so schlecht sind wir nun auch nicht unterwegs. Aber wir haben uns offensichtlich an den Kontrollen zu viel Zeit gelassen, und wir dürfen den Kontrollschluss an der Streckenteilung zur Milseburg nicht verpassen, wollen wir uns als Extrem-Hoch-Zwei-Bezwinger in die Geschichtsbücher schreiben lassen.

Ein giftiger Anstieg steht noch im Weg, dann gehts links weg und Richtung Milseburg. Was einem da ins Auge springt ist wenig ermutigend: die nächsten 1.000 m geht es steil und schnurgerade hoch in den Wald. Hat man sich an den Anblick gewöhnt, steht ein Schild der Organisatoren am Straßenrand: „Viel Spaß :-)“ – hahaha. Etwa viertel nach vier sind wir dann oben, letzte Bergwertung, von hier gehts jetzt wirklich (fast) nur noch bergab. Die schnellsten waren etwa 3 Stunden vor uns hier oben, müssen das Ding mit nem Schnitt von >30km/h gefahren sein, irre.

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Easy Riders am letzten Gipfel des Tages, die Milseburg im Hintergrund und ab zurück nach Bimbach.

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Große Wegweiser in knalligen Farben – keine Chance sich zu verfahren. Selbst oben an der Milseburg sind zwei davon angebunden, obwohl man hier auch ohne Schild wenig verkehrt machen kann, zumal ja auch noch ein Kontrollposten der Organisatoren vor Ort ist.

In Margretenhaun gibts Krombacher alkoholfrei, super, schöne Abwechslung. Nicht dass die Isogetränke schlecht sind, aber die Vielfalt machts. Bei mir läuft es mittlerweile auch wieder richtig gut. Ich habe mal wieder einen Tag mit ‚zweiter Luft‘ erwischt, ein Energieschub am Ende. Mit Druck kann ich die ‚Bodenwellen‘ auf dem Weg nach Fulda nehmen. Im Finale nach Bimbach gebe ich nochmal Gas, versuche mich von der Gruppe abzusetzen. Gelingt nicht wirklich, aber zumindest kann ich die letzten Kilometer mit freiem Blick nach vorne genießen. Und auch den Schnitt haben wir jetzt wieder nach oben gepäppelt, verpassen die 10 Stunden nur um knapp 10 Minuten. Glücklich und zufrieden erreichen Jörg und ich das Ziel dann gemeinsam, wie schon in Oslo. 

Im Ziel gibt es dann reichlich Trophäen, die man alle zusammen eigentlich an die Organisatoren übergeben sollte. Dieser Radmarathon ist großartig, extrem hoch zwei was die Strecke betrifft, extrem hoch zwei aber auch in punkto Organisation: das fängt bei der perfekten Beschilderung an und hört bei der tollen und abwechslungsreichen Verpflegung noch lange nicht auf. Das alles für 45 Euro und dazu noch ein Funktionsshirt als Geschenk ist phantastisch, value for money at its best. Chapeau RSC Bimbach!!!

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Trophäensammlung nach einem langen Tag in der Rhön: Startnummer (links), Kontrollkarte (Mitte), Urkunde (rechts), Medaille (das ‚X‘ mit Band) und Funktionsshirt (grüner Hintergrund) – mehr geht nicht.

Zwischenwerte auf dem Weg durch die Rhön: je mehr Höhenmeter desto langsamer, je länger unterwegs desto langsamer, und dann ein schnelles Finale – so kann man das wohl ganz gut zusammenfassen. 

  • Bis Kontrolle 1 (Lütter) – 41,5 km / 1:26:12 / 28,8 km/h / 638 Höhenmeter
  • Bis Kontrolle 2 (Bischofsheim) – 47,4 km / 2:03:03 / 23,1 km/h / 1.171 Höhenmeter
  • Bis Kontrolle 3 (Fladungen) – 43,1 km / 1:39:41 / 25,9 km/h / 751 Höhenmeter
  • Bis Kontrolle 4 (Kaltensundheim) – 35,6 km / 1:40:50 / 21,1 km/h / 832 Höhenmeter
  • Bis Kontrolle 5 (Gotthards) – 28,6 km / 1:16:15 / 22,5 km/h / 605 Höhenmeter
  • Bis Kontrolle 6 (Margretenhaun) – 24,9 km / 1:08:46 / 21,7 km/h / 564 Höhenmeter
  • Bis Ziel (Bimbach) – 27,2 km / 0:54:59 / 29,6 km/h / 281 Höhenmeter