Mein erstes 24h-Rennen! Mein erstes Mal auf dem Podium bei einer Sportveranstaltung! Wer hätte es gedacht, dazu mussten wir nur knapp 167 mal im Kreis fahren, auf einer Autorennstrecke mit 4,307 km pro Runde, mitten in den Dünen, gespickt mit 5 Anstiegen und etwa 25 Höhenmetern pro Runde, bei über weite Strecken richtig richtig viel Wind. Soweit die Kurzform.

Aber beginnen wir doch mal im letzten Jahr, als die Easy Riders geboren wurden, ein Team aus vier Radlern die gemeinsam die 24h von Zandvoort absolvieren wollten. Zwei Tage vor dem Rennen sage ich ab, weil meine Frau mit Lungenentzündung im Bett liegt und ich mich um die Kinder kümmern darf. Als Ausgleich habe ich dann zwar schon im letzten Jahr Trondheim-Oslo geschenkt bekommen, aber trotzdem wollte ich Zandvoort unbedingt fahren. Nur dass wir die vier Easy Riders nicht wieder zusammengebracht haben. Norwegen noch im Kopf, sollte es kein Problem sein das Ding auch als Duo zu fahren. Also standen Jörg und ich als eins von insgesamt drei Zweierteams am Start, da werden wir auf jeden Fall Dritter…

Die Tage vor dem Rennen ist der Wetterbericht der wichtigste Teil der täglichen Nachrichten. Es kann sich nicht so ganz entscheiden, aber vermutlich wird es sehr sehr windig. Sollte doch kein Problem sein, rund im Kreis, viele Kurven, viele Fahrer zum verstecken und Windschattenfahren – Pustekuchen, es kam anders.

Zunächst einmal kam Regen. Wir hatten kaum unser Lager errichtet und die Zelte mit ordentlich Gewicht im Inneren stabilisiert, damit der Wind sie nicht fortpustet – Bodenanker geht nicht, weil der Zeltplatz ein asphaltierter Platz ist, zwischen Zielgerade und Tarzankurve. Pünktlich zum Start der Einführungsrunde hörte es dann auf mit regnen, aber die Straße war noch nass und in den Zelten war es nass, durchgedrückt von unten, toll.

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Unser Lager in der Tarzankurve. Auto als Windschutz und die Zelte mit allem was geht beschwert.

Und dann ging es los, Le Mans Start, die Räder an der Bande auf der gegenüberliegenden Straßenseite und mit dem Start laufen alle zu den Rädern und fahren los. Dann ging es los wie die Feuerwehr, die Zielgerade runter, Tarzankurve und dann stand das Feld zum ersten Mal im Wind. Laut Wetterbericht waren das etwa 60km/h Windgeschwindigkeit, abgefahren. Und ein jeder entwickelte seine eigene Strategie damit umzugehen. Eigentlich hatte ich gehofft man wird sich zu Gruppen finden können um dem fiesen Wind denselbigen aus den Segeln zu nehmen, aber das klappte nicht. Viele haben die Rückenwindpassagen genutzt, um volle Pulle zu fahren, nur um dann in den Gegenwindpassagen rauszunehmen. Ein paar Solofahrer fahren eher meine Strategie, mit Druck durch den Wind und bei Rückenwind erholen. So finde ich mich für ein paar Runden mit Solofahrern zusammen, klappte ganz gut, zumal die auch nicht den Kurs verlassen um zu wechseln. Die fahren das Ding ja alleine. Die Teams wechseln ja dann doch, mal mehr mal weniger, was Gruppenarbeit auch gerne zum Erliegen bringt.

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Das Ende der Zielgerade, Schluss mit Rückenwind. Jörg fährt hier an zweiter Stelle von rechts. Links ist übrigens die Wechselzone zu sehen. Jetzt geht es ab in die Tarzankurve…

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…einmal um den Campingplatz und am Verpflegungsposten vorbei. Hier war der Wind besonders heftig, heftig genug um ausgiebig Kontakt mit den wartenden Betreuern oder Teamkollegen am Verpflegungsposten aufzunehmen. Jörg fährt hier an zweiter Stelle von links.

Nach den ersten 1,5 Stunden war ich trotzdem ganz schön fertig, wenn das so weitergeht…und es ging erstmal so weiter. Nach 1,5 Stunden Pause gings das zweite Mal für 1,5 Stunden aufs Rad. Der Wind war gefühlt noch stärker geworden. Bei den Kiesbettpassagen musste man sich vor Sandverwehungen und Dreckfressen schützen. Hübsch anzusehen wie der Wind den Sand über die Strecke pustete. Auch mein dritter Turn war nicht einfacher zu fahren, jetzt zum ersten Mal 2 Stunden im Sattel. Warum erst 1,5 dann 2 Stunden? Unser Programm war so ausgerichtet, dass wir die Belastung vor der Nachtruhe möglichst gleichmäßig verteilen. Über Nacht sind wir dann Dreistunden-Schichten gefahren um mehr zu schlafen und am Sonntagmorgen dann Einstundenschichten, um der zunehmenden Erschöpfung besser Rechnung tragen zu können.

Aber noch waren wir nicht soweit, noch ging es darum, sich beim fleißigen Runden drehen dem Wind zu widersetzen. Während der ersten Zweistundenschicht beginne ich so langsam meinen eigenen Rhythmus zu fahren. Es ist zwar toll in Gruppen unterwegs zu sein, aber wenn die einem ein Tempo und eine Strategie aufzwingen die so gar nicht zu den eigenen Vorstellungen passt macht das nicht richtig Sinn. Konsequenterweise fahre ich dann die letzte Schicht vor der Nachtruhe mein eigenes Ding. Nachdem die Sonne den ganzen Tag nicht zum Vorschein gekommen war, bleibt uns auch ein romantischer Sonnenuntergang erspart, und es wird ganz unromantisch einfach dunkel.

Und so langsam hatte ich meinen Rhythmus, es ging gut, egal was die anderen machen, ich fahr mein Ding. Um Mitternacht hieß es aber erstmal ab ins Bett und schlafen, jetzt wirds spannend, kann ich schlafen, wie komme ich danach wieder raus. Ungeduscht nach 7 Stunden und etwa 200km im Sattel krieche ich in den Schlafsack und schlafe bald ein. Viertel nach 2 werde ich wieder wach, noch vor dem Wecker. Schnelles Frühstück, rein in frische Radklammotten und ab in die Wechselzone.

Und dann begann für mich die beste Zeit des Rennens. Bis zum Ende lief es jetzt immer besser, ich befinde mich im Langstreckenmodus, komme sehr gut voran, begünstigt dadurch, dass der Wind eingeschlafen ist. Das hätte ich ja fast vergessen zu erwähnen, vor Mitternacht wurde es schon besser, erst hat er gedreht und lies dann deutlich nach und jetzt war er fast weg. Was für eine Erholung, so macht radeln auf der Rennstrecke richtig Spaß. Aber nicht nur der Wind war eingeschlafen, es schien mit ihm auch die ganzen anderen Radler, gähnende Leere auf der Strecke, wo sind die denn alle, tagsüber viel Betrieb und jetzt nix los. Nur hin und wieder donnern die schnellen Züge an einem vorbei, auf der Jagd nach der Bestzeit, echt krass was die Kollegen auf den Asphalt zaubern.

Die größte Schwierigkeit im Dunkeln war jetzt die Anfahrt auf die Schikane. An deren Ende stand zwar ein Halogenstrahler, aber der Eingang war unbeleuchtet, sodass man im Dunkeln den Einlenkpunkt „ertasten“ musste.

So unspektakulär wie das Tageslicht verschwunden war, kam es zurück. Um sechs der Wechsel zu Jörg und nochmal 2 Stunden Pause. Was essen und ab in den Schlafsack, die Erschöpfung wird spürbar, zähneklappernd schlotter ich mich in einem Powernap, bin nach ner Viertelstunde wieder fit und starte in meiner nächsten Schicht nochmal richtig durch. In den Morgenstunden überrunde ich auch unsere Konkurrenz in der Duoklasse ein ums andere Mal, initiiere Gruppen und dominiere sie – meine letzten beiden Runden bin ich komplett von vorne gefahren, und bringe dabei nen 33er Schnitt auf die Piste.

Apropos 33er Schnitt, meinen Respekt vor den Easy Riders 2014, die den 33er Schnitt über 24 Stunden ins Ziel gebracht haben. Daran war dieses Jahr nicht annähernd zu denken. Ok, die waren 3 und wir waren 2, die hatten weit weniger Wind, aber trotzdem. Immerhin konnte ich auf meinen letzten Runden mal das Gefühl genießen, wie sich ein 33er Schnitt anfühlt. Hat richtig Laune gemacht, jetzt hätte man noch ein bisschen weiterfahren können. Aber die Uhr ist erbarmungslos, nach 24 Stunden ist Schicht, Ausführungsrunde mit allen Teams und dann gemeinsam durchs Ziel fahren.

Ja, und dann zur Siegerehrung, aber kriegen wir wirklich was? Kaum zu glauben. Zum Glück kenne ich die Drittplatzierten in der Duowertung, von der Strecke. Als die aufgerufen wurden war klar, wir dürfen auch, aufregend, steile Metalltreppe, Händeschütteln, Gridgirls im engen Outfit küssen, Pokal entgegennehmen, und dann Sektdusche. Gar nicht so einfach, wenn man nicht will dass die Korken fliegen dann klappts bestimmt, aber so auf Ansage, vor Publikum. Geile Sache, zweiter Platz, auch wenn es nur drei Duos gab, aber wen kümmerts, muss man trotzdem erstmal nach Hause fahren.

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Gruppenbild der Easy Riders mit Pokal und Sekt, Tarzankurve im Hintergrund.

Nach Hause gings dann auch, nach einem wirklich rundum gelungenen Wochenendausflug der Easy Riders. Auch logistisch extrem gut, sehr diszipliniert an den Plan gehalten und durchgezogen. Und das ohne Begleitpersonal, nur Jörg und ich. Wir haben auch das Onlinetracking des Veranstalters nicht genutzt, uns mit Zeichensprache an der Strecke verständigt, um uns auf die Wechsel vorzubereiten, hat alles perfekt geklappt. Zu Hause habe ich dann noch bis sieben durchgehalten, bevor ich dann aus den Latschen gekippt bin, 11 Stunden Schlaf, und die Welt war wieder in Ordnung. Nächstes Jahr wieder? Muss eigentlich schon sein, damit wir noch nen zweiten Pokal holen und jeder einen zu Hause stehen hat.

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Ein paar Zahlen zum Abschluss. Das sind meine (inoffiziellen = eigener Tacho) Rundenzeiten; der grüne Balken der den Wechsel anzeigt ist auch gleichbedeutend mit der Pause bis zum nächsten Wechsel. Die letzte Runde vor jedem Wechsel war in den meisten Fällen die langsamste, begleitet von niedrigen Pulswerten. Offensichtlich sind auch die vergleichsweise niedrigeren Pulswerte in den letzten Runden. Beeindruckt hat mich die Konstanz in der Nacht, wie ein Schweizer Uhrwerk habe ich Runde für Runde abgespult.

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Und noch ein paar Zahlen, dieses Mal die offiziellen Rundenzeiten für Jörg und mich. Die erste Runde jedes Runs ist langsam, weil hier die Boxenzeit mit drin ist. Der massive Peak um Runde 65 bei Jörg ist auf das Entfernen einer Papierluftschlange zurückzuführen, die sich im Schlatwerk verfangen hatte. Die beiden Peaks in meinen Runs (um Runde 75 und 115) sind auf Pinkelpausen zurückzuführen – es war einfach nicht warm genug für mein gewohntes Trinkpensum…

Zusammenfassung:

Henning Jörg
Runden 84 82
Gesamtzeit 12:17:34 11:43:33
Rundenmittel 08:46,8 08:34,8
km 361,79 353,17
km/h 29,43 30,14