Für lange Zeit waren Jörg und ich das einzige angemeldete Duo. Scheint keine wirklich populäre Klasse zu sein: vielleicht gehen die wahren Ausdauercracks als Solist auf die Piste, und die Racer stehen als 4er Teams am Start. Obwohl bei den Solisten auch welche dabei waren die weniger Runden gefahren sind als Duomitglieder, also doch keine Ausdauercracks. Wie dem auch sei, wenige Tage vor Anmeldeschluss steht noch ein Duo aus Köln in der Liste. Und dann entscheiden sich die anderen Easy Riders ihr 4er Team in zwei Duos umzuwandeln. War also nix mit kampflos den Siegerpokal abholen, jetzt reicht es nicht nur zu finishen sondern jetzt müssen wir auch noch Gas geben, um überhaupt aufs Podium zu kommen.

Das wechselhafte Wetter der letzten Tage und Wochen macht den Wetterbericht zum wichtigsten Teil der Nachrichten. Und tatsächlich, es verspricht zwar nicht besonders warm zu werden, aber zumindest trocken – bis zum Vorabend des Rennens. Die 24-Stunden Prognose zeigt eine ansehnliche Regenwolke, die sich über die Nordsee schiebt und noch vor Beginn des Rennens an Hollands Küste erwartet wird. Das hatten wir doch schonmal, genau wie letztes Jahr, na hoffentlich hört es dann auch bald wieder auf. Beim Wind hört das Dejavu dann aber auf, der soll weit weniger stark blasen als letztes Jahr, hoffen wir mal, dass es stimmt.

Ebenfalls am Vorabend des Rennens machen sich Störungen in meinem Magen-Darmtrakt bemerkbar, leichter Durchfall. Bin ich nur übermäßig nervös oder habe ich mir was eingefangen? Na das wird ja ein lustiges Rennen. Zum Glück gibt es im Circuitpark alle paar Meter ein Dixiehäuschen.

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Easy Riders vor der Pitbox, vor dem Start des Rennens, alle gut gelaunt und frohen Mutes.

Gegen neun sind Jörg und ich in Zandvoort, die anderen vier Easy Rider sind auch schon da und wir beginnen uns häuslich einzurichten. Zum Glück haben wir einen Platz in einer Pitbox – es regnet, wie angekündigt. Gegen 10:30 hört der Regen auf und angeblich soll auch nicht mehr so wahnsinnig viel vom Himmel kommen in den nächsten 24 Stunden, toitoitoi. Ich baue noch schnell mein Zelt auf und richte meinen Schlafplatz und Wechselklamotten im Zelt ein. Dieses Jahr werde ich weniger Zeit haben mich wahrend des Rennens zu organisieren, dieses Jahr fahre ich mehr als Jörg und habe weniger Pausen, die ich so gut als möglich zum erholen nutzen möchte.

Nach der Einführungsrunde geht es pünktlich um 12:00 los, die Eiligen und die weniger Eiligen alle zugleich auf die Piste, im klassischen Le-Mans-Start. Eigentlich sollte ich nicht zu den Eiligen gehören, liegen immerhin 15-16 Stunden radeln vor mir. Aber wie das so ist, irgendwann ist man drin in ner Gruppe und es lauft irgendwie auch echt gut und ehe ich mich versehe drehen alle drei Easy Rider Duos im 34er Schnitt ihre Runden. Nach gut zwei Stunden ist der Spuk vorbei, und ich bin einigermaßen platt. Also doch zu schnell, trotz Windschatten. Noch ne gute Stunde muss ich durchhalten bis zum ersten Wechsel des Tages. Die anderen Easy Riders wechseln schon. Gegen Gilles und Florian habe ich keine Chance, und verliere die ersten Runden. Sieht man auch schön in der Rundenzeitgrafik (ganz unten auf der Seite): die Rundenzeiten gehen bei mir nach oben, während Florian weiter richtig Gas gibt. Aber locker bleiben, noch ist der Weg weit, noch kann viel passieren.

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Ein Bild mit Symbolcharakter, obwohl das zu diesem Zeitpunkt noch keiner wissen konnte (aufgenommen irgendwann am Samstag Nachmittag). Florian vor mir, dann ein kleines Loch und dann der Herr im grün-schwarzen Helm – da haben wir das Duo-Podium in der richtigen Reihenfolge im Rennen.

Nach drei Uhr beginnen die Unterschiede zwischen den vier Duos langsam deutlich zu werden, aber Jörg hält die Position, zumindest verlieren wir nicht weiter auf Easy Riders 3. Mein zweiter Turn zwischen fünf und acht läuft dann deutlich besser. Ich finde einen guten Rhythmus, habe auch so langsam ein Gefühl für den Wind, wie er weht, welche Übersetzung an welcher Stelle des Kurses am besten geht. Ich fahr auch meistens alleine, aber das stört nicht. Es stört schon eher, dass ich so um Runde 40 rum tatsächlich ein Dixieklo in Anspruch nehmen muss. Und prompt überrundet mich Jerome, zumindest nehme ich das an, weil er plötzlich ne Runde mehr auf dem Buckel hat.

Was aber wieder mal auffällt: das eigene Vorkommen steht und fällt mit der Existenz funktionierender Gruppen. Von den D-Zügen mal abgesehen die im 40er Schnitt und mehr durch die Dünen rasen ist es verdammt schwer etwas passendes zu finden. Einmal habe ich Glück, als zwei Solisten von einem Zwischenpitstop auf die Strecke kommen und ich mich anschließen kann. Das bringt die Rundenzeiten deutlich nach unten und sorgt auch für Abwechslung.

Im Laufe des Abends zeichnet auch so langsam ab, dass es bei den Duos zwei Rennen geben wird. Easy Riders 1 und 3 streiten sich um die oberste Stufe auf dem Podium, während es bei den Sportskollegen aus Köln und Easy Riders 2 allein darum geht, überhaupt aufs Podium zu kommen. Die beiden letztgenannten Teams machen häufiger mal längere Pitstops während ER1 und ER3 voll durchfahren, es verspricht spannend zu werden…

Die letzte Stunde vor Mitternacht entwickelt sich zur schlimmsten Stunde des ganzen Rennens. Viertel nach elf werde ich plötzlich extrem müde, und es fängt an zu regnen. Ich habe sowas von keinen Bock mehr. Die Rundenzeiten gehen auch deutlich nach oben, so ab Runde 80 etwa nähern sie sich der 10 Minuten Marke. Essen wollte ich auch noch was, bevor ich mich um Mitternacht in den Schlafsack rolle, aber ich kriege kaum was runter. Ich zwinge mich nen kleinen Riegel zu essen, brauche fast zwei Runden dazu. Der Regen hörte zwar dann auf, aber ich war trotzdem heilfroh als Jörg um Mitternacht die Nachtschicht angetreten ist. Endlich schlafen…

Jörg hat den unangenehmsten Job, vier Stunden am Stück durch die Nacht zu fahren, was er aber mit Bravour meistert. Die Rundenzeiten bleiben zwar im 10-Minuten Bereich, aber auch ER3 sind nicht schneller und können keinen weiteren Rundengewinn erzielen. Es gibt also noch Hoffnung, das Rennen ist noch nicht verloren. Die anderen beiden Duos nutzen die Nacht eher zum schlafen, die Kluft wird also immer größer zwischen Platz zwei und drei.

Halb vier gehts wieder raus für mich, schnell frische Sachen anziehen, und was essen. Banane funktioniert, flüssige Nahrung klappt auch, ab jetzt also nur noch Gels und ähnliche leckere Sachen. Zwischen 4 und 7 starte ich gut erholt die Aufholjagd auf Florian und Jerome (Easy Riders 3). Es dauert nicht lange und ich sehe Florian vor mir, wow, ich fahre meinen Rhythmus weiter, ohne ihn. Dann habe ich Glück mit ner Gruppe, und ne halbe Stunde später überhole ich Florian erneut. Jetzt ist es ein echtes Rennen, Wahnsinn, 18 Stunden unterwegs und noch immer dicht zusammen. Aber wie gewonnen so zerronnen, das Dixieklo ruft, und ich muss Easy Riders 3 erneut ziehen lassen.

Nach 90 Minuten Pause gehts gegen neun ein weiteres Mal auf die Strecke. Und wiedermal kriege ich eine gute Gruppe, zum ersten Mal mit zwei weiteren Deutschen, und zum ersten Mal mit klassischen Wechseln, heisst aktiv aus der Führung gehen und sich hinten einreihen. Ein paar Runden geh ich mit durch die Führung, dann schließen zwei weitere Fahrer auf und es wird einen Tick schneller. Jetzt kann ich nur noch hinten dranbleiben und auf-zu machen, bei Rundenzeiten von um die 7:30 in Serie (zwischen Runde 140 und 160). Es reicht aber um Jerome eine Runde abzunehmen. Jetzt fehlt noch eine halbe Runde…

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Sonntagmorgen in Zandvoort, die Sonne scheint endlich, ich hole Meter um Meter auf, bin guter Stimmung, alles prima.

Nach einem kurzen Pitstop gehts in die letzte Stunde, ob ich die halbe Runde noch zufahren kann? Das wäre ein Ding, nach 24 Stunden Hand in Hand zu finishen. Vom höchsten Punkt der Strecke kann ich bis zur Schikane sehen, und dort fährt Florian in ner 5 Mann Gruppe – und ich bin alleine. Es ist genau die halbe Runde Vorsprung, aber alleine komme ich da nicht mehr hin. Lassen wir es also gemütlich ausklingen und bleiben auf dem zweiten Platz. So lasse ich auch den D-Zug sausen, den Florian allerdings nutzt um mich wieder zu überrunden. Wahnsinn, wo er die Reserven noch herholt, nach 23,5 Stunden Radrennen, starkes Finish. Immerhin fährt der D-Zug Rundenzeiten von unter 6:30, hier geht es um den Gesamtsieg bei den 24h von Zandvoort, und Florian mitendrin, und Gilles auch.

Apropos, Easy Riders 2 mit Gilles und Romain hatten ja ein ganz anderes Rennen, das um Platz drei, mit den Kollegen aus Köln. Und auch das war dann nochmal eine ganz enge Kiste. Gilles und Romain haben längere Pausen gemacht, aber die Kölner auch. Am Morgen ging es dann aber nochmal los. Gilles ist nochmal angetreten und hatte den Rückstand fast zugefahren. Die Kölner haben dann aber wohl den Braten gerochen, und haben ihren besten Mann auf die Piste geschickt, der sich auch in dem einen oder anderen schnellen Zug halten konnte. Am Ende hat es dann nicht gereicht, Easy Riders 2 haben das Podium verfehlt. Für mich und Jörg ist es wieder Platz zwei geworden, eine Runde Rückstand auf Florian und Jerome, spannende Sache.

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Sektdusche für das Podium und das Publikum…
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…und dann ein kräftiger Schluck aus der Pulle, Prost, auf die Easy Riders.

Noch ein paar Bestwerte: von uns allen hat Gilles die beste Einzelrunde gefahren, 6:22.3, und das noch gegen Ende, Respekt. Jörg hat die längste Schicht des Rennens absolviert, 4 Stunden am Stück, in der Nacht, reife Leistung. Und meine 104 Runden hätten auch bei den Solisten zu Platz 13 gereicht, nicht so schlecht.

So war es für mich das zweite Mal >400 km an einem Wochenende im Rennsattel innerhalb von 4 Wochen. Aber Zandvoort war härter als Bimbach, auch ohne Berge. Schneller fahren, weniger schlafen, dazu meine Malfunktion im Verdauungstrakt. Aber es war ne coole Sache, Campingausflug mit Freunden mal anders, gemeinsam in der Pitbox abhängen, gemeinsam leiden, auf den Wind schimpfen, sich über die Sonne freuen…unbezahlbar…wir sind dann auch die letzten die vom Ring verschwinden, nach aufräumen und Autos beladen lassen wir das Rennwochenende bei den letzten verbliebenen kühlen Getränken ausklingen.

Zu Hause schaffe ich es kaum noch alles auszuladen, wegzuräumen und was zu Abend zu essen, die Müdigkeit schlägt voll zu. Um halb sieben bin ich im Bett und bin sofort weg. Es dauert dann 1-2 Tage bis ich mich wieder erholt habe und mein Schlafbedarf gedeckt ist. Aber man macht das ja nicht jedes Wochenende. Einmal im Jahr so ein Ding ist aber schon eine schöne Sache. Nächstes Jahr wieder Zandvoort? Vielleicht, irgendwann muss doch mal die letzte Stufe des Podiums erklommmen werden, aber mal schaun. Auf jeden Fall grandios, dass es solche Veranstaltungen gibt, dickes Lob an die Organisatoren.

rundenzeiten

Zeiten pro einzelner Runde, für Easy Riders 1 (Jörg und ich) und Easy Riders 3 (Florian und Jerome) im Vergleich. Mein Einbruch vor der 20. Runde ist offensichtlich, mehr noch die beiden Dixiestops um Runde 40 und nach Runde 120. Auch der Rückgang der Rundenzeiten bis gegen Runde 110 ist deutlich, bevor ich gut erholt nach 3 Stunden Schlaf wieder beschleunigen kann.

rennverlauf

Der Film des Rennens in Zahlen. Easy Riders 3 gewinnt hauchdünn, es war echt knapp, und wirklich spannend, genauso wie das Rennen um Platz drei. Hier waren die Voraussetzungen zwar etwas anders, aber trotzdem eine ganz enge Kiste, mit dem besseren Ende für die Sportsfreunde aus Köln.