Im Januar 2012 beginne ich meine neue Heimat Den Haag mit dem Rad zu erobern. Die täglichen Fahrten ins Büro und nach Hause geben mir schon einen guten Vorgeschmack auf das was noch kommt. Die erste Beobachtung ist offensichtlich, und lässt mich tatsächlich am Anfang zögern: der Holländer trägt auf dem Rad in der Stadt keinen Helm. Auf dem Rennrad ist das anders, aber beim fietsen in der Stadt gelten andere Gesetze. Soll ich mich ganz öffentlich und eindeutig als Ausländer zu erkennen geben und meinen Helm aufsetzen? Was solls, ohne Helm fühle ich mich nackt, und so nehme ich die öffentliche Bloßstellung in Kauf, bis zum heutigen Tag, man gewöhnt sich dran. Aber es bleibt dabei, Fahrradhelme sind im Stadtbild eine echte Rarität. Und auch Mopedfahrer kommen meist ohne die schützende Kopfbedeckung aus. Statistisch gesehen haben die alle wahrscheinlich sogar recht, aber in dem Fall ist mir Statistik tatsächlich ziemlich egal.

Die zweite Beobachtung braucht etwas Zeit, um sie richtig einzuordnen. Es fühlt sich an als ob radfahren in der Stadt ein totales Chaos ist. Alle fahren wie es ihnen passt, die Vorfahrt holt man sich nach Belieben, Autos werden ins zweite Glied verdammt – riskantes Spiel, doch wenn man nicht mitmacht, kommt man kaum vom Fleck, also wie geht das noch gleich? Natürlich wird auch in Holland überwiegend rechts gefahren. Das gilt aber nur solange es rollt. Nähert man sich einer rot leuchten Ampel wird die gesamte Radwegbreite zum Anstellen genutzt. Und gibt es keinen Radweg, steht man in Straßenbreite vor den wartenden Autos, um auf das grüne Startsignal zu erwarten. Kaum geht die Ampel auf grün, ordnet sich alles wieder langsam und gemächlich am rechten Straßenrand ein, bis zur nächsten roten Ampel und das Spiel beginnt von vorn.

Sowas habe ich bis dato nur in Indien gesehen: an Bahnübergängen stellt man sich dort zu beiden Seiten der Bahnschranke in voller Straßenbreite auf, um sich danach mühsam durch und am Gegenverkehr vorbeizumanövrieren. So schlimm ist es in Holland nicht, aber es kommt dem schon sehr nahe. Würde man das in Deutschland machen, ein Hupkonzert wäre die Folge, und auch die Radfahrer untereinander würden sich sicher das eine oder andere Mal an die Gurgel gehen. Hier jedoch geht alles in Ruhe ab, keine Tumulte, keine Aggression, ganz ruhig rollt die Karawane weiter durch die Stadt.

indien
Ein Bahnübergang irgendwo in Zentralindien irgendwann im Jahr 2006 – anstellen im Straßenbreite auf beiden Seiten.

Damit haben wir schon ein ganz wichtiges Kennzeichen des holländischen Radverkehrs: Toleranz. Autofahrer respektieren Radfahrer, langsame Radfahrer respektieren schnelle Radfahrer, schnelle Radfahrer respektieren langsame Radfahrer. Bei all dem Chaos und der Hektik im Straßenverkehr ist die große Ruhe ein ganz dickes Plus. Anschreien und hupen sind Zeichen von Gefahr. „Ich habe Recht“ oder „meiner ist dicker“ werden nicht automatisch geräuschvoll untermalt, hier lässt man den anderen gewähren.

Das hat natürlich auch seine negativen Seiten, wenn ein Radfahrer einem ganz nonchalent die Vorfahrt nimmt, lässig sorry in den Raum wirft weil er eine Vollbremsung erzwingt und dann fröhlich weiterfährt. Oder aber auf dem Radweg ein Kaffeekränzchen veranstaltet wird und man sich partout nicht davon abhalten lassen will, auch wenn man mit 40 Sachen die Veranstaltung auseinanderfährt. Aber dennoch bevorzuge ich dieses Verhalten gegenüber dem deutschen aggressionsdominierten Verhalten.

Ich erinnere mich noch gut an einen Aufenthalt in Deutschland, wo ich im Wald laufen war und mir eine radelnde Familie entgegenkam, auf dem Waldweg der offiziell als Radweg markiert war. Der Weg war schmal und nicht rasend gut ausgebaut (ein Waldweg halt) und ich habe es mir erlaubt auf der guten Seite des Weges zu laufen. Was den mir entgegenkommenden Familienvater in Rage versetzt hat und ich mir eine Flut von Beschimpfungen anhören musste was mir den einfallen würde dort zu laufen. Würde in Holland nicht passieren, leben und leben lassen.

In Holland halten dagegen Autofahrer in aller Regel an, wenn ein Radfahrer kommt. Da wird beim Abbiegen auch geschaut, ob da nicht ein Radfahrer kommt. Mir ist schon so oft das Herz in die Hose gerutscht weil ich dachte jetzt krachts, aber bisher blieb der Autofahrer immer stehen, in vielen Fällen auch ohne dass er Vorfahrt gehabt hätte. Das ist wirlich phantastisch. Und weil es andere Autofahrer so machen, beginnt man es selbst auch zu machen, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. In jedem Autofahrer steckt halt auch ein Radfahrer, der sich darüber freut, als Radfahrer freie Fahrt zu haben. Eine andere Form der Toleranz: Radfahrer werden nicht nur toleriert, sondern akzeptiert als vollwertige Verkehrsteilnehmer mit eigenen Rechten und Pflichten.

Da stört es auch nicht, dass sich viele Radfahrer ihre Rechten und Pflichten selber definieren. Rote Ampeln sind nicht unbedingt ein Signal zum Anhalten. Kommt kein Auto, geht es weiter. Beleuchtung im Dunkeln gehört nicht unbedingt zur Standardausrüstung. Häufig muss man Glück haben, wenn irgendwelche kleinen Funzeln zumindest die Idee von einem anderen Objekt vermitteln, dass sich da im Dunkeln auf einen zubewegt.

Und wenn man sich anschaut wer oder was mit Fahrrädern transportiert wird und wie der Holländer das bewerkstelligt, sind alle Fragen nach Regeln ad acta gelegt. Erneut kann man sich an Länder wie Indien erinnert fühlen, wenn man sich die Transportfunktion des Fahrrades anschaut. Damit meine ich nicht die baulich durchaus gewollten Konstrukte. Das Bakfiets ist ein weitverbreitetes Rad um mehrere Personen (meist Kinder) von A nach B zu transportieren. Dazu gesellen sich Langversionen von Fahrrädern mit mehrere Kindersitzen in der Längsachse des Rades. So kann man auch ohne Bakfiets 2-3 Kinder nebst Familieneinkauf einigermaßen sicher nach Hause chauffieren. Braucht halt ein bisschen Übung. Was ich aber meine sind ganz normale Fahrräder, mit denen auf Querstange und Gepäckträger zusätzliche Personen befördert werden. Ich bin mir nichtmal sicher ob das gesetzlich erlaubt ist oder nur geduldet wird, aber ich habe noch keine Polizeistreife gesehen, die ein solches Gefährt gestoppt hätte. Selbst dann nicht wenn der Passagier auf dem Gepäckträger stehend transportiert wird. Das sieht man morgens recht häufig, Kinder stehen hinten auf dem Gepäckträger während Papa eilends Richtung Schule strampelt. Keine Ahnung, vielleicht bin ich ein Schisser, aber das geht mir alles dann doch ein Stück zu weit.

Trotzdem die allgegenwärtige Toleranz genieße ich sehr. Hat man sich an das Chaos in der Stadt mal gewöhnt, dann bleibt die Toleranz als positives Merkmal zurück, mit der sich das Radeln in der Stadt genießen lässt. Und das selbst bei dem hohen Verkehrsaufkommen auf zwei Rädern. Was da morgens manchmal los ist. Ich habe mal an einem ganz normalen verregneten Januarmorgen die aktiven Radfahrer gezählt, die mir auf dem Weg zur Arbeit begegnen oder die ich überhole. Das waren etwa 250 auf etwa 6 km Strecke. Allein 80 auf der Valkenbosplein in Den Haag, high-noon um kurz vor halb neun, wenn in Holland die Schule anfängt. Aber ganz ohne Dramatik entwirrt sich das Geflecht aus zwei Rädern mit jeder Grünphase aus Neue…