Stürze mit dem Rad lassen sie sich nicht immer vermeiden. Kurioserweise kann ich mich nicht an irgendwelche ernsthaften Bodenkontakte in 10 Jahren Berlin erinnern. Schlechtes Gedächtnis? Wie dem auch sei, meine erster Unfall in Holland passiert in unmittelbarer Nähe meiner Arbeitsstelle, der Königlichen Bibliothek in Den Haag. In einem für Radfahrer freigegebenen Fußgängerbereich kann ich einem hinter einer Säule erscheinenden Radfahrer nicht mehr ausweichen. Meine Lenkerhörnchen bleiben in seinem Sakko hängen und zerfetzen es. Das war unschön, soll es aber für lange Zeit gewesen sein. Bis April 2015 und jener verhängnisvollen Begegnung mit einer Dohle – verhängnisvoll für den Vogel. An der Vliet rolle ich von einer längeren Ausfahrt zurück gen Heimat. Ich überhole ein älteres Ehepaar auf Rädern und möchte gerade eine Dohle passieren, die auf der Straße sitzt. Doch die denkt nicht daran sich passieren zu lassen, entscheidet sich für einen Start und fliegt in mein Vorderrad, warum auch immer. Dort bleibt sie stecken, bringt das Vorderrad zum blockieren und mich zum fliegen. Elegant lasse ich mein Rennrad hinter mir und finde mich Momente später auf der Straße wieder, klassisch über den Lenker abgestiegen. Mir geht’s prima, meinem Rad auch, was die Dohle nicht von sich behaupten kann. Ihr linker Flügel baumelt einigermaßen unnatürlich an ihr herum. Was tun mit dem armen Ding? Das ältere Ehepaar empfiehlt die Dierenambulance, und radelt weiter. Ein Telefonanruf und 20 Minuten später sammelt sie den geschundenen Vogel tatsächlich ein. Faszinierend, das funktioniert, die kommen sogar für eine Dohle. Ich bin begeistert, und ich hoffe die Dohle ist es auch.

Doch das war erst der Anfang. Das Jahr 2015 hält noch weitere Überraschungen dieser Art für mich bereit. Nach dem Langstreckentraining im Frühjahr und der erfolgreichen Teilnahme am 24 Stunden Rennen von Zandvoort wechsel ich in den Triathlonmodus. Zeitfahrtraining ist angesagt. Die erste Ausfahrt dieser Art endet jedoch nach nur 1000 Metern. Am Eingang zu den Dünen kommt mir ein Mädchenschwarm auf Rädern entgegen. Nach dem schmalen Radweg durch die Dünen fächert sich die Gruppe auf und nutzt die gesamte Straßenbreite. Ich schiebe mich soweit es geht an die rechte Straßenkante und versuche mich ungeschoren an den fröhlich schwatzenden Mädels vorbeizuzwängen. Eine Reihe geht gut, die zweite Reihe passiere ich auch noch erfolgreich, doch dann kollidiere ich mit einem der mir entgegenkommenden Räder. Wutentbrannt drehe ich um. Ich möchte doch mal wissen warum die Herrschaften in voller Straßenbreite operieren müssen. Doch bevor ich zu irgendwelchen Beschwerden ansetzen kann fällt mein Blick auf meine linke Hand, an der das Blut nur so runterläuft. Was ist das denn, absteigen, nachschauen – der Mittelfinger ist auf halber Länge aufgeplatzt und blutet fröhlich die Straße voll. Hektische Betriebsamkeit in den Reihen der Teenagegirls. Minuten später ist die Polizei vor Ort und übernimmt die Erstversorgung. Für den Notarzt ist das nich ernst genug, ich kann ja noch selbst laufen. Und nicht ich muss getröstet werden sondern die Mädels, Tränen fließen, verkehrte Welt. Ein paar Stunden später ist der Finger mit 4 Stichen genäht und ich wieder daheim. Einige Monate und etliche Sitzungen bei meiner Physiotherapeutin später habe ich auch die Funktionsfähigkeit meiners Fingers wieder einigermaßen zurück. Hätte schlimmer kommen können.

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Hier ist es passiert, schmaler Radweg aus den Dünen geht in eine Straße über, genug Platz um in großer Gruppe nebeneinander radzufahren – Gegenverkehr – who cares…
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Mein Finger einige Tage nach dem Zusammentreffen, sieht schon gar nicht mehr so schlimm aus…

In der Zwischenzeit hatte ich aber weitere unerfreuliche Begegnungen mit anderen Radfahrern oder dem Untergrund auf dem radfahren am meisten Spaß macht. Auf einem Familienausflug mit den Rädern kommt uns auf einem Radweg außerhalb von Den Haag ein älteres Ehepaar entgegen. Sie fährt vorschiftsmäßig und zügig an uns vorbei. Er konzentriert sich auf die nebenan weidenden Kühe statt auf den Radweg und zählt die Kühe, ganz genau. Als meine Klingel und Zurufe ihn auf meine Anwesenheit aufmerksam machen können bekommt er einen solchen Schreck, dass er prompt die Kontrolle über sein batteriegetriebenes Gefährt verliert, den Anhänger streift und mit meiner lieben Frau kollidiert. Ihr Fahrradkorb verkommt zur Knautschzone. Zum Glück kommen alle drei glimpflich davon, der Mann, meine Frau, und der Fahrradkorb.

Der nächste Vorhang fällt an meinem Geburtstag, ausgerechnet. Auf dem Heimweg von einem leckeren Abendessen am Strand reisst meine Kette, just als ich antreten möchte. Die Kontrolle über mein Rad ist weg und ich folge vollkommen unkontrolliert den Gesetzen der Schwerkraft, die Straße hat mich wieder. In hochsommerlichem Freizeitlook biete ich der Straße jede nur denkbare Angriffsfläche. Abschürfungen zieren meine rechte Seite von den Füßen bis zu den Armen. Tiefe Wunden die auch ein halbes Jahr später noch gut auszumachen sind. Während die zumindest relativ schnell auf ein erträgliches Maß zurückheilen, beschäftigen mich die Becken- und Rippenprellungen noch eine geraume Zeit. Sie machen auch den letzten Triathlon des Jahres Ende September zu einer größeren Quälerei als nötig. Wars das jetzt?

Das Jahr 2016 ist allerdings kaum eine Woche alt, als ich schon wieder auf den Boden der Tatsachen geworfen werde. Auf dem Rückweg vom Schwimmtraining hole ich den Kopfsprung nach, den ich im Wasser ausgelassen habe. Ein Radfahrer nimmt mir die Vorfahrt. Die Vollbremsung blockiert mein Vorderrad und ich steige über den Lenker ab. Leider schaffe ich es nicht meine Linke Hand vor den Kopf zu bekommen, lande stattdessen auf dem Gesicht. Die oberen Hautschichten rund ums linke Auge bleiben auf der Straße zurück und ich nehme zwei amtliche Blutergüsse mit nach Hause, über dem Auge und direkt unter dem Auge. Happy New Year! Jetzt habe ich aber erstmal genug von derartigen Abwechslungen, und was soll ich sagen, das Jahr 2016 ist zu Ende und keines meiner Räder hat mich in dem Jahr nochmal abgeworfen, toitoitoi…