Ich gebe es zu, in Deutschland war ich ein absoluter Radwegmuffel. Wenn es sich vermeiden ließ den Radweg zu benutzen, habe ich die Gelegenheit genutzt und bin auf der Straße gefahren. Gründe dafür gab es viele:

  • Radwege, die nur auf die Straße gepinselte Radstreifen sind zählen nicht wirklich
  • Radwege, die spontan die Straßenseite wechseln machen keinen Spaß
  • Radwege, die spontan zu Fußgängerwegen mutieren machen erst recht keinen Spaß
  • Radwege, die für 200 m angelegt sind und dann enden sind einigermaßen sinnlos
  • Radwege, die keine adäquate Oberflächenbeschaffenheit und Breite haben muss ich nicht benutzen
  • Radwege, die als gesetzesfreie Zone gelten wo mit Ausnahme von sportlichen Radfahrern jeder machen kann was er will sind für mich zu gefährlich
  • Autofahrer, die Radfahrer eher und besser wahrnehmen wenn sie auf der Straße fahren

In Holland habe ich mein Verhalten ganz schnell geändert und ich fahre Radwege für mein Leben gern. Das liegt nicht nur daran, dass Autofahrer sehr rücksichtsvoll fahren und Radwege respektieren. Das liegt auch nicht nur daran, dass Radfahrer auf Radwegen respektvoll und tolerant miteinander umgehen, sportliche Radfahrer wie gemütliche Tourenfahrer und Familien mit Kindern. Das liegt vor allem daran, dass es die Infrastruktur hergibt überwiegend auf Radwegen zu fahren.

Begonnen hat das mit der Radwegeinfrastrtuktur in Holland in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Ölkrise und die durch den massiven Autoverkehr bedingten Todesfälle unter Radfahrern haben ein Umdenken hervorgerufen, was letztendlich zum Umbau der Städte geführt hat – sehr anschaulich in diesem Video beschrieben. Und diese Denkmuster sind auch heute noch aktuell. Nehmen wir ein aktuelles Zitat aus den HaagWestNieuws vom 19. Oktober 2016 auf Seite 1: “Het fietsgebruik in Den Haag moet flink groeien. Om fietsen aantrekkelijker te maken, moet de kwaliteit van het fietsnetwerk toenemen.” Heisst soviel, wir wollen noch mehr Fahrräder auf den Straßen sehen, doch dazu muss radfahren attraktiver werden was nur mit einem besser ausgebauten Radwegenetz funktioniert. Das muss man sich mal vorstellen, sowas wird in einem Land geschrieben wo Radfahrer schon ziemlich paradiesische Verhältnisse vorfinden, aber eben nur “ziemlich”, es geht immer noch besser.

Wie das in der Praxis aussieht, davon konnten wir uns in unmittelbarer Nachbarschaft unseres zu Hauses überzeugen. Die Laan van Meerdevoort ist über weite Strecken von einem baulich getrennten Radweg begleitet, aber eben nur über weite Strecken. An einigen wenigen Stellen ist es nur ein farblich abgesetzter und markierter Streifen, der für Radfahrer vorgesehen ist. In vielen deutschen Städten wäre das schonmal ein Grund zur Freude, nicht so in Holland. Hier wird ein komplettes Umbauvorhaben der Straße (inkl Kanalerneuerung etc) vorangetrieben und püntklich zu Weihnachten 2016 wird dem Radfahrer ein neuer und perfekt asphaltierter Radweg geschenkt, baulich getrennt, schön breit, und nur für eine Fahrtrichtung vorgesehen, weil die Gegenfahrbahn einen gleichen Radweg ihr eigen nennt. Die bauliche Trennung gilt übrigens auch an vielen Kreuzungen: anders als in Deutschland wird dort nicht der Radweg aufs Straßenniveau geführt sondern bleibt unverändert auf Höhe des Bordsteins. Autos können also nicht ungebremst um die Ecke fegen und alles aus dem Weg räumen was da angeradelt kommt sondern müssen ganz langsam abbiegen, wenn sie sich nicht den Unterboden ruinieren wollen.

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Laan van Meerdervoort, Ecke Kamillestraat im Sommer 2016.
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Laan van Meerdervoort, Ecke Kamillestraat im Dezember 2016.

Wenn man über Radwege und bauliche Trennung spricht, dann muss man sich auch mal die Autobahnen anschauen. Beispiel A12, dort gibt es entlang der Autobahn eine Autobahn für Radfahrer, perfekt ausgebaut, mit beleuchteten Tunneln unter der Autobahn oder aber auch unter Autobahnkreuzen. Nicht dass es immer das reinste Vergnügen ist, autobahnparallel mit dem Rad unterwegs zu sein, aber wenn man so breite, autofreie, und gut asphaltierte Radstraßen bekommt, solls mir Recht sein.

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Autobahnkreuz außerhalb von Den Haag: Hier kreuzt sich die A12 mit der A4…
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…und die Radfahrer dürfen unter dem Kreuz hindurchfahren, toll.

Alles in Allem hat das dichte und perfekt beschilderte Radwegenetz dazu geführt, dass ich mit Genuss Radwege fahre, wer hätte es gedacht. Einziger Nachteil: meine mittlerweile gute Ortskenntnis kann ich kaum fürs Autofahren nutzen. Um mit dem Auto von A nach B zu kommen, muss ich ein ganz anderes Streckennetz lernen, aber das nehme ich gerne in Kauf.