Die Niederlande liegen zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel, ein dem Meer abgerungenes Stück Land. Das klingt erstmal wenig überraschend. Manchmal wird einem dann aber doch etwas mulmig zumute. Wenn man sich zum Beispiel bewusst macht, dass der grösste Flughafen des Landes in Schiphol 6 Meter unter dem Meer liegt. Was passiert eigentlich wenn… Ich erinner mich auch noch sehr gut an einen ersten Familienausflug ein Stück weit ins Landesinnere, an die Vliet zwischen Leiden und Den Haag. In Deutschland würde man das Ding wohl einen Fluss oder Kanal nennen, der träge dahinfließt. Ich schalte zufällig mal mein Garmin ein und stelle erstaunt fest, dass wir hier 10 m unter Null stehen. Gut, vielleicht hat das Navi ein bisschen untertrieben, aber sich vorzustellen, dass die Wellen der Nordsee etwa 10 m über unseren Füßen auf den Scheveninger Strand (Luftlinie etwa 8 km entfernt) treffen, ist schon beeindruckend, ja schon ein klein wenig beängstigend. Tatsächlich muss man von Den Haag schon ein ganzes Stück fahren bevor man echtes Festland erreicht, echtes Land, von der letzten Eiszeit geprägt, mit Sand der nicht voll von Muscheln ist und Steinen die das Meer nicht gerade erst ausgespuckt hat. Am Besten fährt man dazu auf der A12 Richtung Utrecht, und wenn man Utrecht passiert kann man einigermaßen sicher sein, dass man festen Boden unter den Füßen hat – etwa 75 km Fahrtstrecke von unserer Haustür.

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Blick von de Posbank im Nationalpark Veluwezoom Richtung Rheden – echtes Stück Land zwischen Utrecht und der Landesgrenze. Hier kann man auch gut radfahren, und diverse Toertochten gehen über de Posbank, manchmal sogar mit Bergzeitfahren.

Schaut man von dort zurück nötigt einem die Deichbaukunst der Holländer schon einen gehörigen Respekt ab. So dermaßen großen Landstriche trockenzulegen und trockenzuhalten ist schon eine irre Leistung. Das wird einem auch bewusst wenn man von den Dünen im Westduinpark von Den Haag zum Stadtzentrum schaut. Hier Meer, dort Stadt, dazwischen die Dünen, als Schutzwall vor den Kräften des Meeres. Und irgendwie sollte man meinen in ständiger Angst um sein Hab und Gut zu leben, weil die nächste Flut alles mit sich reißen wird. Und doch ist das weniger der Fall als zum Beispiel in Würzburg, wo ich mir nicht vorstellen könnte in einer Ergeschosswohnung im Maintal zu wohnen.

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Links das Meer, rechts Den Haag – und liegt das Meer nicht doch höher als die Stadt? Die Dünen werden es schon richten…Blick vom Bunker in Kijkduin über den Westduinpark nach Scheveningen.

Apropos Flusstal: Während sich in Ländern die über dem Meeresspiegel liegen Flüsse ihre Täler graben, liegen Flüsse und Kanäle in Holland oben, hübsch eingedeicht und sicher kanalisiert. Das versetzt mich noch heute immer wieder in Erstaunen, wenn man plötzlich einen kleinen Anstieg vor sich sieht und sich dann auf einem Deich wiederfindet. Und vom Deich schaut man in den tieferliegenden Polder, der früher von Windmühlen trockengehalten wird. Heute sind zwar die meisten Windmühlen durch Maschinen ersetzt, die deren Job machen, aber die Vielzahl von Windmühlen im Land erinnert zumindest an die Leistung der Niederländer, ein eigentlich unmögliches Unterfangen in die Tat umzusetzen. Dem Radfahrer beschert es das Kuriosum, zu den Wasserläufen nach oben zu fahren. Und auch wenn der Höhenunterschied nicht enorm ist, ist er doch spürbar und man wundert sich wie gut die Dichtung hält, damit die Polder nicht ein ums andere Mal wieder vollaufen. Eine wahre Meisterleistung!

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Rechts ein Kanal, links die Straße die ein paar Meter hoch auf den Deich führt, bzw bei dieser Blickrichtung runter in den Polder. Wie gesagt, groß ist der Höhenunterschied nicht aber er fällt auf. Bezeichnend der Name der Straße: Bovenmeerweg (Blickrichtung Stompwijk).
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Was für kleine Kanäle gilt, gilt auch für größere Wasserläufe oder ganze Polderseen. Hier die Wijde Aa, die ein Stück weiter nordöstlich in das Braassemermeer mündet, alles ein paar Meter oberhalb des Polders gelegen.
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Die Windmühlen von Kinderdijk, hier kann man wunderbar Wasserläufe auf unterschiedlichem Höhenniveau studieren und die Windmühlen, die dafüt sorgen, dass das Wasser dort bleibt wo man es haben will.