Die Niederlande haben nicht unbedingt den Ruf, ein Land für Sonnenanbeter zu sein. Grau, kühl, regnerisch und windig – das sind Attribute die man hierzulande viel hört wenn über das Wetter die Rede ist. Und der Schein trügt nicht. Vergleicht man mal die Regenmengen und Sonnenstunden von Den Haag und Berlin, dann kann Den Haag doch deutlich mehr Regen (802:571mm) bei weniger Sonne bieten als die deutsche Hauptstadt, hurra. Das Gefühl trügt also nicht.

Was aber auch auffällt sind die Temperaturunterschiede. Auch hier trügt das Gefühl nicht. Im Winter ist es in Berlin im Schnitt deutlich kühler als an der Nordsee, und im Sommer ist es in Den Haag kühler als in Berlin. Für mich beides sehr angenehm, und gute Gründe für das Wohnen am niederländischen Regierungssitz. So kann ich in den Den Haag zumeist den ganzen Winter ohne Probleme auch längere Distanzen im Freien trainieren, während es in Berlin immer die eine oder andere Woche oder Monat gab, wo man pausieren musste, sei es wegen zuviel Schnee(matsch), sei es weil es zu kalt war. So haben sich die Weihnachtsferien der letzten Jahre zum ersten Trainingslager der Saison entwickelt, was sich v.a. bei den Starts im Frühjahr sehr positiv bemerkbar macht. Zwischen den Jahren 2016 und 2017 habe ich es in den 2 Wochen Ferien auf 4,5 km schwimmen, 45 km laufen und 440 km radeln gebracht, sehr beachtlich für meinen Geschmack. Auch wenn das Radfahren dabei jedesmal zu einer Art Duathlon mutiert – erst radeln, dann putzen – auch ohne Regen ist es im Winter so dermaßen feucht, dass sich der Dreck auf Wegen und Straßen nach der Ausfahrt an Rad und Mensch wiederfindet.

dsc_0187small
Tolles Wetter für den tiefsten Winter an Hollands Nordseeküste. Und doch, die Feuchtigkeit lässt sich nicht leugnen, überzieht Radwege mit einem leichten Wasserfilm, der Dreck wunderbar aufnimmt, um vom Radfahrer mitgenommen zu werden.
dsc_0101small
Kein Regen und trotzdem sehen Mensch und Maschine aus wie Sau, Weihnachtsferien 2016-2017.

Da nimmt man den statistisch gesehen höheren Niederschlag gerne in Kauf, der in der Realität bisher keinen nenneswerten Einfluss auf mein Trainingspensum hatte. Bleibt noch der Wind, der zwar auch keinen Einfluss auf das Pensum hat, wohl aber auf die Leistung. Ich habe das mal ausgerechnet, die 20 km auf dem Dünenradweg von Den Haag nach Hoek van Holland sind bei stattlichem Gegenwind mit dem Aufstieg zum Col de la Madelaine in den französischen Alpen zu vergleichen. Und diese Art Gegenwind ist nicht unüblich hier. Da muss man schonmal genau überlegen wie man seine Runden plant, damit man zumindest auch was von den Rückenwindpassagen hat. Hier kann man ähnlich wie bei einer Abfahrt in den Alpen auch locker 50km/h auf den Asphalt bringen ohne sich massiv anstrengen zu müssen. Bei sehr stürmischem Wind sollte man allerdings den Küstenradweg meiden, will man Mensch und Rad nicht sandstrahlen lassen. Den Sand findet man sonst Wochen später noch im Antriebsstrang wider… Und auch in den Tagen nach einem Sturm sollte man einen Bogen um den Küstenradweg machen, weil Sandverwehungen die Rennradtour in eine Crosstour verwandeln würden, auch kein Spaß.

Man sollte eigentlich meinen, dass mir als eher leichtem Fahrer der Wind überhaupt nicht in den Kram passt, aber man gewöhnt sich dran, eher noch als an Regen. Und man gewöhnt sich sogar so sehr an den Wind, dass man ganz anders damit umgeht. Beim Radmarathon in der Rhön 2016 bin ich ein paar Minuten neben einem Fahrer gefahren, der ohne Überschuhe unterwegs war (und es war saukalt). Und er hat gejammert, über die Kälte (kann man ja verstehen) und über den Wind – Wind, welcher Wind, habe ich ihn gefragt. Für mich war das himmlisch windstill, im Vergleich zu dem was mir sonst so im Gesicht steht. Und auch in Norwegen 2014 hat mir der Wind kaum zu schaffen gemacht, obwohl das für viele Fahrer zwischen Trondheim und Oslo ein schwieriges Thema ist.

Hört sich jetzt so an als ob ich hellauf begeistert wäre vom Klima in Den Haag. Naja, stimmt vielleicht nicht immer, aber im Grunde kann ich micht nicht beklagen. Das einzige was wirklich lästig ist, ist die Tatsache, dass man manchmal bis in den Mai hinein noch lang-lang fahren muss, weil es einfach zu zögerlich Frühling wird. Das wird einem v.a. dann bewusst, wenn man mal im Frühling ins Landesinnere fährt. Mit dem Auto kann man das sehr gut beobachten, wenn die Anzeige des Thermometers alle paar Kilometer ein halbes Grad nach oben klettert und auch der Wind einem weit weniger frisch ins Gesicht bläst als an der Küste. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Muss man halt seine Frühjahrsklassiker im Landesinneren fahren, Auswahl gibts ja genug. Für den Rest kann man sich in den Dünen und Poldern um Den Haag die richtige Wetterhärte für die Saison holen.