Die große Runde durch die Rhön war schon immer eine Erinnerungsrunde, eine Zeitreise im Geiste zu Orten persönlicher Geschichte. Etwa das Schullandheim Bauersberg (kurz vor Bischofsheim), Ort diverser Erstsemesterwochenenden mit mir als Organisator. Oder der Abschnitt zwischen Simmershausen und Dippach (bei Tann), in Erinnerung geblieben von meiner ersten größeren Radtour vor 25 Jahren mit meinem Bruder. Oder der Rother Bräu Biergarten, wo wir als Studenten die Brauwasserqualität am Bier getestet haben, wohlgemerkt offizieller Teil der Exkursion. Dieses Jahr kam dank Bauarbeiten eine Umleitung hinzu, die den Kurs durch Tiefengruben führte, jenes beschauliche Örtchen bei Neuhof wo mich anno 1998 ein Motorradfahrer frontal aufs Horn nahm und beinahe ins Jenseits befördert hatte. Eine Strecke voller Erinnerungen also, auf 400 km mit dem Rad durch die Rhön.

Aber genug der Vorrede. Nach der von massiven Wetterkapriolen geprägten Erstausgabe von Bimbach 400 wollte ich doch nochmal unter besseren Bedingungen hier an den Start gehen. Allerdings steht es laut Wetterbericht ziemlich auf der Kippe ob es wirklich besser wird. Ok, es wird definitiv nicht kalt, aber auch wenn der Regen wärmer ist als letztes Jahr, wird das den Spaßfaktor nicht unbedingt erhöhen.

Teil 1 am Pfingstsamstag findet dann bei schwülwarmen aber trockenen Bedingungen statt, Unwetter sind aber angekündigt. Also früh starten und sehen dass man Land gewinnt. Das gelingt mir gut, und anders als im letzten Jahr bin ich nicht alleine unterwegs. In einer größeren Gruppe fahre ich die ersten 20 km im 31er Schnitt. Danach wird es allerdings bergiger, und schon jetzt merke ich, irgendwie spielt mein Puls verrückt, will nicht unten bleiben, schießt bei jedem noch so kleinen Hügel nach oben. Obs am Wetter liegt? Egal, in Günthers bin ich noch flott unterwegs, was sich auf der Schleife rund um Günthers ändert. Ich kann keine Gruppe mehr halten, quäle mich in Richtung Gerstengrund, wo der schönste Berg des Tages wartet, hoch Richtung Theobaldshof. So langsam gehts wieder besser, doch auch auf dem Weg zurück von Günthers nach Bimbach muss ich ziemlich kämpfen. Man bin ich froh als ich nach knapp 6 Stunden zurück im Ziel bin. Wenn ich die Performance auf den Pfingssonntag übertrage wird das nicht lustig.

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Nach einigen unangenehmen Hügeln wartet der schönste Anstieg des Samstag, vom Gerstengrund hoch Richtung Theobaldshof, auf schmaler Straße 2,5 km durch den Wald.

Immerhin, ich schaffe es trocken zurück ins Ziel. Die ersten Regentropfen fallen als ich ins Auto steige, und auf dem Weg zurück zu meinen Eltern blitzt und donnert es überall, Glück gehabt. Ob man das Wetter am Pfingstsonntag morgen als Glück bezeichnen kann liegt wohl im Auge des Betrachters. Ich stehe um 4 Uhr auf und es regnet. Soll ich doch wieder ins Bett gehen? Frühstücken, anziehen, im Regen nach Bimbach, auf nasser Wiese parken, fertigmachen und dann heisst es tauchen. Vom Parkplatz bis zum Start bin ich nass. Am Ortsausgang von Bimbach bin ich patschnass, Wassertreten inklusive, es schüttet, kann nur besser werden. Und in der Tat, nach ner knappen Stunden schüttet es nicht mehr, es regnet nur noch kräftig. Nach zwei Stunden lässt es deutlich nach, und auf der Wasserkuppe etwa 3 Stunden nach dem Start hat es aufgehört. Jetzt sind nur noch die Straßen nass. Ich entledige mich meiner langen Handschuhe. Was da zum Vorschein kommt sind Waschfrauenhände die sich gewaschen haben, heftig. Was ich an dieser Stelle schon anmerken möchte, meinen Füßen ging es nicht besser, nach >12 Stunden in Überschuhen waren die am Abend ziemlich aufgeweicht, ein toller Anblick kann ich nur sagen…

Auf der Hochrhön ziehe ich noch eine weitere Jacke an, der Mensch lernt ja und ich weiß vom letzten Jahr noch wie kalt es auf der Abfahrt nach Bischhofsheim werden kann. Und wie üblich, überall zähneklappernde Gestalten an der Kontrolle in Bischofsheim, aber ebenfalls wie üblich, heißer Tee, Brühe und Kaffee für die durchgefrorenen Gestalten, das tut gut.

Gut gestärkt mache ich mich auf das Überführungsstück am Fuße der Hochrhön, und beginne zu rechnen. Regen sei Dank habe ich keine flotte Windschattenfahrt zu Beginn genossen, und auch die langen Abfahrten konnte ich nicht volle Pulle fahren. Bin also hinter meinem Zeitplan zurück. Schaffe ich das jetzt noch? Die unangenehmen Gedanken verfliegen nach dem neuerlichen Aufstieg zur Hochrhön. Wo mich letztes Jahr Hagel begrüßte empfängt mich heute der erste Sonnenstrahl des Tages, herrlich, auch wenn der Wind merklich aufgefrischt hat, bin ich über den Tausch alles andere als undankbar. In Fladungen stopfe ich zügig einen Teller Nudeln in mich rein, und rechne ein bisschen, noch 3,5 Stunden bis Hilders, das sollte doch machbar sein.

Auf gehts Richtung Thüringen. Es wird wärmer, Weste auf, Armlinge runter, ein gelb-schwarzes Insekt nimmt die Einladung meiner farbgleichen Weste an, verfängt sich in ihr und sticht zu, das musste nicht wirklich sein. Schön wenn der Schmerz nachlässt.

Dieses Jahr kann ich den Anstieg nach Geba genießen, kein Regen. Auf der Abfahrt hat es aber einen erwischt und in die Leitplanke genagelt, Rettungswagen steht in der engen Kurve, autsch. Ist aber der einzige Sturz von dem ich was mitbekomme, bei dem Wetter am Morgen das reinste Wunder. Den Einbruch vom letzten Jahr kann ich vermeiden und komme gut durch Thüringen. Mit ein paar flotten Begleitern meister ich auch das Stück bis an den Fuß des Ellenbogens, der letzte richtig große Anstieg des Tages. Hier überhole ich auch einen Begleiter vom Samstag, den ich auch bei der ersten Kontrolle gesehen habe; da hatte er noch 12 Minuten Vorsprung, das große Leiden beginnt.

Fünfzehn Minuten früher als im letzten Jahr passiere ich den Kontrollschluss in Hilders. Von jetzt an kann ich es genießen. Mir geht es deutlich besser als noch am Vortag, der Puls macht was er soll, die Verdauung spielt mit, alles im grünen Bereich, so grün wie es nach 350 km sein kann. So langsam fangen auch mehr Leute an zu reden, wie im letzten Jahr, gemeinsam leidet man sich die letzten drei Anstiege vor Günthers hoch.

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Die Party ist in vollem Gange: Zielbereich in Bimbach gegen halb sieben am Pfingstsonntag, geschafft, in 2 Tagen 155 km + 260 km hoch und runter durch die Rhön.

Auf dem Rückweg nach Günthers habe ich mehrmals Glück, komme immer wieder in Gruppen rein, die mich ein paar Kilometer mitschleppen können, machts doch deutlich einfacher, zumal der Wind im Gesicht steht. Die beste Gruppe habe ich dann ab Fulda, drei Herren von denen zwei noch richtig Druck auf der Kurbel haben, auch die Anstiege hoch. Der Dritte ist so ungefähr mein Kaliber, hängt hinten drauf und an den Anstiegen fährt er mein Tempo, wobei die beiden anderen auf ihn warten. So komme auch ich immer wieder ran. Halb sieben ist das Ziel dann erreicht, 30 Minuten eher als im letzten Jahr. Bei strahlendem Sonnenschein geht der Rhönmarathon zu Ende. Und dieses Mal gibt es auch genug Vorräte aller Geschenke. Als Finisher von Bimbach 400 gibts neben Urkunde und Medaille ein Funktionsshirt und ein Katusha-Alpecin Trikot. Am Ende nimmt man finanziell mehr Gegenwert mit nach Hause als man fürs Startgeld bezahlt hat, toll.

Fazit: wie immer, und das ist nur positiv gemeint. Tolle Organisation vor Ort, tolle Beschilderung. Die Verpflegung ist großartig, abwechslungsreich und ausreichend belegte Brötchen, hausgemachte Kuchen, Pasta, Wiener im Brötchen, Kekse, Bananen Äpfel, dazu das Repertoire von Rhönsprudel zum trinken – besser geht es nicht. Und dann die Geschenke für die Finisher, große Klasse, ein ums andere Mal. Wer immer einen Radmarathon organisieren will, macht ein Praktikum beim RSC Bimbach.

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Ausbeute von zwei Tagen radeln in der Rhön: Startnummern und Kontrollkarten, dazu Medaille, Urkunde, Funktionshirt und Trikot, macht was her.