Die Bedingungen waren wie gemalt am 17. und 18. Juni für mein erstes Solo in Zandvoort. Die beiden Jahre zuvor hat entweder geregnet oder wie verrückt gewindet oder beides, aber dieses Jahr war das Wetter perfekt, viel Sonne, kaum Wind. Dazu war auch meine körperliche Verfassung viel besser als letztes Jahr. Dann kann es ja losgehen, 24 Stunden lang immer rund im Circuitpark von Zandvoort, 4307 Meter so oft möglich zu absolvieren. Das Prozedere kenne ich ja mittlerweile, Zelt aufbauen, Büffet einrichten, Klamotten sortieren, Nachtlager präparieren. Das ist ein großer Vorteil der 24 Stunden Rennen: man hat alles in der Wechselzone und muss nichts am Rad haben und kann beim Essen und Trinken je nach Gusto variieren.

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Camping in der Tarzankurve. Mit zwei Therm-a-rests kann man auch auf Asphalt bequem schlafen, auch wenn nur eine Stunde Schlaf eingeplant ist.

Nach dem Briefing heisst es umziehen und aufstellen für die Eröffnungsrunde, und dann noch 20 Minuten warten auf den Start. Ich trete hier mit dem Ziel an, die Entfernung von Trondheim nach Oslo zu übertreffen (545 km) und in die Top 10 des Klassements zu fahren. Schwer vorstellbar, aber egal, auf gehts. Punkt 12:00 fällt der Startschuss und los gehts.

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Selfie mit Spiegel und warten auf den Start. Jasmijn Muller (Duracell Bunny on a Bike) platziert gerade ihr Zweirad an der Bande, beobachtet vom späteren Sieger der Solisten (neben dem Herrn in zivil).

 

Im Vergleich zu den letzten Jahren wollte ich mich bemühen langsamer zu starten. Die erste große Gruppe lasse ich fahren und doch findet sich im Laufe der ersten Runde eine gut funktionierende Gruppe, mit einigen Solisten, sollte also gemäßigt losgehen. Fühlt sich auch locker an, und Runde für Runde gehts um den Kurs. Nach zwei Stunden sind 68 km absolviert, 34er Schnitt, das ist nicht langsam, das ist verdammt nochmal echt schnell, und deutlich schneller als in den Jahren zuvor. Aber es ging erstaunlich locker und bald war auch Schluss mit dem Spaß.

Nachdem das Hauptfeld mal wieder zum Überholen angesetzt hat springen einzelne aus meiner Gruppe mit, andere lassen hinten reißen oder gehen in die Wechselzone und nach und nach zerbröselt so die schöne Gruppe. Das sieht man auch sehr schön an den ansteigenden Rundenzeiten, und als ich schließlich alleine bin haben sich meine Rundenzeiten um die 8:30 eingependelt, immer noch ein Schnitt von über 30 km/h. Wie lange ich das wohl durchhalte, zumal mein Puls auch grenzwertig hoch ist.

Apropos Hauptfeld: in dem sehe ich auch ein ums andere Mal die einzige Frau im Starterfeld, auch Solistin, das gibts ja gar nicht, die kann doch nicht 24 Stunden bei den schnellen Jungs mitfahren, das hält man doch nicht durch.

Nach drei Stunden mache ich die erste Pause, nach sechs die zweite. Danach regeln sich die Pulswerte nach unten, bei einigermaßen gleichbleibendem Speed. Hin und wieder bilden sich mal kleine Gruppen, dann gehts wieder mal ein bisschen schneller für ein paar Runden. So langsam entstehen auch die ersten Gespräche – ein Vorteil des Kreisradelns, man sieht halt immer wieder die gleichen Gesichter, gezellig, wie der Holländer dazu sagen würde. Ein Herr im Schweizer Trikot entpuppt sich als Engländer aus Leiden, fährt in der Phase einen Tacken schneller als ich in Gruppen kann ich aber gut ihm mitfahren. Gemeinsam fahren bringt Abwechslung und die Zeit vergeht schneller.

So langsam merke ich dass mein Magen mir Probleme macht, fühlt sich an wie zugeschnürt, essen kann ich glaube ich nichts mehr. Aber es kommt noch schlimmer. In der achten Stunde auf dem Rad muss ich mich ein paar Mal übergeben. An essen ist nun erst recht nicht zu denken. Ob das von dem neuen Energy-/Isodrink kommt den ich zum ersten Mal im Einsatz habe? Aber letztendlich ist das Fehlverhalten des Magens kein komplett neues Problem, sodass ich Vorbereitungen für den Ernstfall getroffen habe. Langstreckenexperten a la Christoph Strasser empfehlen Flüssignahrung, Ensure plus wird als gutes Produkt genannt. Das bekomme ich in der Apotheke meines Vertrauens zu kaufen, und habe nun eine Ration für den Fall der Fälle – der nun eingetreten ist. Ab 19:00 ernähre ich mich überwiegend von Ensure plus, Schokolade, Vanille, Banane, für Abwechslung ist gesorgt. Schokoriegel und Smoothie gehen dann später auch wieder. Und so habe ich genug Energie für die Nacht.

Toll so in den Sonnenuntergang zu fahren, und dann ist es finster. Es ist immer wieder eine tolle Atmosphäre so im dunkeln um den Kurs zu radeln. Das wollte sich auch Jörg nicht entgehen lassen, mein Duopartner der vergangenen Jahre. Um Mitternacht steht er plötzlich unter dem großen Halogenstrahler im Bereich der Wechselzone, toll, hat mich sehr gefreut. Gerade um die Geisterstunde herum kann es hart sein, das habe ich in Norwegen erfahren und auch letztes Jahr, als sich mir um diese Zeit der Mann mit dem Hammer in den Weg gestellt hat. Dieses Jahr war das zwar nicht der Fall und es lief richtig gut. Unterstützung tut trotzdem gut. Ne Stunde später steht dann eine kurze Schlafpause auf dem Programm. Die letzten Runden davor mache ich etwas langsamer, trinke nochmal ein Fläschchen Ensure. Jörg ist immer noch da, verabschiedet sich dann aber und fährt heim, während ich mich für eine Stunde aufs Ohr lege.

Danach kann ich sogar wieder etwas essen, Müsli, aber ich bleibe trotzdem weiter bei Flüssignahrung und Cola für unterwegs. Isodrinks tausche ich gegen Wasser, muss ja nix riskieren. Die Fahrt in den Morgen ist richtig schön, Nebelschwaden ziehen über den Kurs, stehen zum Teil in den Senken, die Sonne geht auf, herrlich. Zwischen Runde 100 und 120 muss ich zweimal kurze Klostops einlegen, immerhin trinke ich genug, beruhigend. Ich schalte jetzt auch nen Gang runter, nen Tacken langsamer fahren, Kraft sparen. Mein Engländer aus Leiden musste auch runterschalten, aber eher zwei Gänge, jetzt bin ich nen Tacken schneller als er. Und die Dame im Feld? Die fährt zwar nicht mehr im schnellen Hauptfeld, aber ihr Tempo kann ich trotzdem noch immer nicht gehen. Wie ich später rausfinde ist sie keine Unbekannte, firmiert in England als Duracell Bunny on a Bike, mit ganz anderen Ambitionen als ich, jetzt wundert mich gar nichts mehr aber krass ist es trotzdem, sehr krass, was die Dame auf den Asphalt zaubert.

So langsam kommt Oslo in Sichtweite, virtuell gesehen, und etwa 90 Minuten vor 12:00 ist Oslo erreicht, in der Schikane, 545 km geschafft, das ich das jemals nochmal auf dem Radcomputer sehe…und nochwas ist mittlerweile klar, die top 10 schaffe ich auch. Anfangs bin ich immer auf Platz 9 rumgedümpelt aber nach der Nacht stehe ich zweitweilig sogar auf Platz 6. Also beide Ziele erreicht, und die Motivation lässt nach. Ich kann den Kurs nicht mehr sehen, keinen Bock nicht, und platt bin ich auch, kann ich nicht einfach rausfahren und aufhören? Kurze Pause, etwas dehnen und lockern, und plötzlich gehts wieder. Die letzten drei Runden, und dann die Zielflagge, gemeinsam mit dem Engländer aus Leiden passiert, 607 km in gut 20 Stunden auf dem Rad, am Ende ein Schnitt von 30,2 km/h und Platz sieben in der Endwertung, das ist der Hammer. Hoffen und träumen kann man ja immer, aber dass ich tatsächlich dahin komme. Und im Schnitt schneller als in den beiden letzten Jahren, und das obwohl ich das Ding alleine gerockt habe. Ziemlich cool. Ein Dank auch an die Flüssignahrung, ohne die ich vermutlich hätte aufgeben müssen. Abends kann ich dann wieder essen, Pasta Bolognese, darauf hatte ich Lust und als ob meine liebe Frau Gedanken lesen kann, stand das auch auf dem Speiseplan, super. Um 17:00 hatte ich mein Abendessen dann absolviert, um mich umgehend ins Bett zu verabschieden. Müde ist gar kein Ausdruck…dreizehn Stunden später stehe ich dann ganz gut erholt wieder auf und kann sogar mit dem Rad zur Arbeit fahren. Ist ja nur ein Hundertstel der Strecke vom Wochenende…nur die Treppen in den fünften Stock zu meinem Büro lasse ich mal rechts liegen und nehme den Fahrstuhl, man muss es ja nicht übertreiben…

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Rundenzeiten pro Runde von 2017 im Vergleich mit 2016 und 2015, dazu die Entwicklung der Pulswerte über die in diesem Jahr absolvierten 141 Runden. Die Verlangsamung kurz vor Runde 60 sind Ausdruck der Magenprobleme, zwei kurze Klostops zwischen 100 und 120 und dann die Null-Bock-Pause kurz vor Schluss.
Runden Zeit Runden-mittel km km/h
2015 84 12:17:34 08:46,8 361,79 29,43
2016 103 14:46:16 08:36,3 443,93 30,05
2017 141 20:05:50 08:33,1 607,71 30,24
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Zum Einrahmen und an die Wand hängen: Platz 7 mit 141 Runden, macht 607,71 km in 20:05:50. Mission accomplished!