Wie der Zufall es wollte, überschneidet sich unser diesjähriger Urlaub nicht nur zeitlich sondern auch räumlich mit der Tour de France. Das wir dann aber so dicht am Geschehen sein werden war bei Buchung noch nicht absehbar. Letzendlich war dann unser eigentliches Urlaubsdomizil nur 300m von der Rennstrecke der Tour weg, auf einer der schwersten Etappen der Rundfahrt, mit drei Anstiegen der Ehrenkategorie (Hors Categorie). Keine Frage dass ich die Etappe auch fahren muss, am Besten am gleichen Tag wie die Profis.

Nach zwei Tagen im Auto kamen wir am Tag vor der Touretappe an den Lacs de Chevelu an, und der nächste Tag versprach unruhig zu werden. Nicht nur dass die Tour so einiges an Chaos mit sich bringt, nein, der Wetterbereicht versprach Gewitter, den ganzen Tag. Als ich um fünf Uhr morgens aufstehe wehte es heftig, grad so als ob das Unwetter gleich losbrechen will. Vielleicht fahr ich dann besser doch nicht. Als aber eine Stunde später noch kein Tropfen gefallen war, mach ich mich fertig. Um sieben gehts los, ne Stunde später als geplant, aber dann muss ich halt ein bisschen schneller fahren. Der Plan war von unseren Seen am Fuße des Dent du Chat gen Norden zu fahren, um bei Seyssel auf die Rennstrecke zu treffen, dann über den Col de la Biche und den Grand Colombier zu fahren (beide HC) und dann via Cote de Jongieux (4. Kategorie) zum Mont du Chat (HC) und dort oben auf die Profis zu warten. Es sollte anders kommen…

Die Strecke war eine vollkommen unbekannte Größe für mich. Man kann sich Touretappen im TV anschauen, Karten studieren und Berichte lesen, aber es dann selbst zu fahren und ist immer noch was anderes, aber wem sage ich das. Ich habe also die Katze im Sack gekauft und hinzu kam noch dass die Tourorganisation weitere Überraschungen im Angebot haben sollte. Bis zum Einstieg in den Col de la Biche ging alles prima. Aber schon selbiger Einstieg hat mich überrascht. Dass es steil wird war klar, was das aber im Klartext heisst, musste erfahren werden. Nach 1,5 km kommt ein kurzes Flachstück, aber das nächste kommt dann erst nach 6 km, und dazwischen geht es steil nach oben, bei einsetzendem Regen, kein Gewitter, aber nass reicht ja auch. Notarzt und Rettungswagen überholen mich, und wenig später sehe ich warum, einen Sportsfreund hats aus der Kurve gehauen, und dort wartete keine Wiese sondern die Felswand. Überall Blut, er selbst hatte schon die Halskrause an, nicht schön, das sollte mir eine Warnung sein, bergab lieber auf Nummer sicher gehen.

Nach einer guten Stunde kommt der Gipfel in Sicht, und mir ein Herr der Tourorganisation entgegen, mit so einem rollenden Entfernungsmesser. Da musste ich lachen, die messen den letzten Kilometer bis zum Gipfel präzise mit so nem Rolldingens. Und oben auf dem Pass war mal wieder so ein Mensch unterwegs, der mit straffem Regiment den Aufbau der Bergwertung leitete. Erinnerungen an Risoul vor zwei Jahren wurden wach, wo man nicht zimperlich mit den Hobbyradlern umging. Apropos Bergwertung, 10,5 km lang ist das steile Monster, aber verglichen mit dem was noch kommt dann doch ein vergleichsweise freundlicher Geselle.

Bergwertung am Col de la Biche, um 10:00 am Morgen ist noch nicht alles fertig.

 

Der Regen hatte nachgelassen, gut für die Abfahrt. Aber erstmal muss noch die empfindliche Gegensteigung gemeistert werden, zu lang um da mal eben drüberzubügeln. Dann gehts aber wirklich runter, schmale und kurvige Straße in mittelmäßigem bis schlechten Zustand. Runterfahren fand ich fast anstrengender als hochzufahren. Wenn man dann hört, dass die Profis von AG2R hier ein paar Stunden später mit Vollgas runter sind, auf Angriff gefahren – Wahnsinn, und nicht überraschend sind auch nicht alle Profis heil runtergekommen.

Unten angekommen gehts ein paar Kilometer gen Süden und dann gleich wieder links weg, ein zweites Mal über das gleiche Bergmassiv, hoch zum Grand Colombier. Man sagte ja schon im Vorfeld, dass man heuer von der steilen Seite hochfährt. Anfangs habe ich mich noch gefreut, weil es gar nicht so steil war, wenn das die steile Seite ist kann ich damit leben. Gefreut habe ich weniger über die Menschenmassen, die hier hochgepilgert sind. Klingelnd und slalomfahrend musste ich mir einen Weg bahnen. Nach etwa 2 km wurde das mit den Menschen besser, mit der Steigung allerdings nicht. Jetzt wurde es steil und steiler, und keine Serpentine die für Erleichterung sorgt weit und breit, das Ganze erneut bei leichtem Regen. Irgendwie habe ich es geschafft, nur auf den Bergaufpassagen im Regen zu sein, keine schlechte Sache. Und dann kam was ich glaube seit Jahren nicht mehr hatte, ich musste vom Rad um ein paar Meter zu schieben, aber viel besser war das nicht. Also doch wieder aufs Rad, und dann begannen Krämpfe im Oberschenkel, erst rechts, dann links, ob es an der ungewohnten Kraftarbeit liegt, die Kurbel ein ums andere Mal rumzudrücken bei 20-22% Steigung – keine Ahnung.

Die letzten Höhenmeter des Colombier, da rechts den Hang hinauf bis man aus dem Bild fährt.

 

Nach 4 km gehts raus aus dem Wald auf eine alm-ähnliche Freifläche. Hier ist Party, und es wird flacher. Ich rolle locker weiter, versuche meine Oberschenkel zu entspannen. Wars das etwa schon mit Steigung? Und dann fahre ich an einem Schild vorbei das noch 300 Höhenmeter bei noch 3 ausstehenden Kilometern angibt, und noch steigt die Straße kaum an, das kann ja was werden. Es geht um eine Linkskurve und dann sieht man die verbleibenden 300 Höhenmeter vor sich, auf gut 2000 Metern Strecke verteilt. Und überall Party, Menschen die auch die Hobbyradler anfeuern, und immer mehr Autos vom Tourtross. Die ersten Vittelautos kommen vorbei, aber Wasser haben sie nicht zu verschenken, nicht für mich, schade.

Bergwertung am Colombier, das Banner wird gerade hochgezogen.

 

Dann bin ich oben, der Grand Colombier ist geschafft, zwei HC Berge im Sack. Schnell was essen, die leeren Getränketanks auffüllen und ab Richtung Mont du Chat, HC-Berg Nummer drei. Und noch habe ich Vorsprung auf die Werbekarawane, kurze Rechnung, das sollte klappen. Auf halber Abfahrt verlasse ich die Tourstrecke und fahre via Culoz ab, landschaftlich die deutlich schönere Strecke.

Blick vom Colombier ins Rhonetal und Richtung Lac du Bourget und Mont du Chat.

 

In Culoz gehts wieder auf die Originalstrecke und ab Richtung Sprintwertung. Ich bekomme Gesellschaft und wie in einem richtigen Rennen jage ich Richtung Lucey. Doch kurz vor der Sprintwertung ist die Jagd zu Ende. Die Polizei ist heute sehr strikt, nichts geht mehr, verhandeln zwecklos, die Strecke ist gesperrt. Aber warum so früh? Schiebend geht es weiter, und dann außerhalb des Sichtfeldes der Polizei wieder aufs Rad, beim nächsten Polizeiposten wieder runter vom Rad, bis Lucey geht es so, dann ist endgültig Schluss. Und nun ist auch klar, den Mont du Chat erreicht man nicht mehr, die Katze kann ich nicht mehr bändigen am heutigen Tag. Aber was tun? Über den Bergrücken zum Lac du Bourget und dann über den kleinen Bruder des Mont du Chat, den Col du Chat zurück Richtung Tour de France? Gut, dass ich das nicht getan habe. Wie ich am nächsten Tage lernen musste ist der Col du Chat bis November für Radfahrer gesperrt.

Letztendlich bin ich bis zur Cote de Jongieux gekommen, 4. Kategorie, aber immerhin. Musste zwar auch ein paar Umwege in Kauf nehmen und das letzte Stück schieben, weil die Polizei ziemlich rigoros die Strecke gefegt hat. Direkt an der Bergwertung warte ich dann in den Weinbergen auf den Tourtross, der auch nur wenig später eintrifft. Durch all dieses Rumgezuckel und Umgewege ist mein ganzer schöner Vorsprung dahin, egal, kann ihn eh nicht mehr gebrauchen wenn ich nicht zum Mont du Chat darf.

Cote de Jongieux, 4. Kategorie, mitten in den Weinbergen und in der prallen Sonne. Warten auf den Tourtross.

 

Die Werbekarawane hat einiges an brauchbaren Geschenken im Angebot. Aber leider laden die Vittel Autos auch hier kein Wasser ab, und das wo ich doch mittlerweile auf dem Trockenen sitze. Als die Karawane durch ist beginnt man so langsam das Banner für die Bergwertung zu installieren, ganz schön spät, und stressfrei geht das nicht ab. Und erst 15 Minuten vor den Profis kommt der Experte für die Ziellinie der Bergwertung, die sauber auf die Straße gebracht werden muss. Bei aller Professionalität, das wirkt ein bisschen improvisiert.

Der Vorteil von solch langen Bergetappen ist, dass man das Fahrerfeld auf mehrere Gruppen verteilt bewundern kann. Spitzengruppen, Favoritengruppe, die Gruppen mit den Sprintern, die Abgehängten. Irgendwie möchte man aufs Rad springen und ein Stück mitfahren, mal sehen wie lange man durchhält. Nach dem Besenwagen dachte ich die Strecke ist frei und ich kann weiterfahren. Aber kurz nach Billieme steht schon wieder Polizei. Auf der Rennstrecke darf ich nicht bleiben, dabei hole ich die doch eh nicht mehr ein. Ich kann aber zum Glück auf eine Strecke ausweichen auf der ich dann wenig später zurück an den Lacs de Chevelu bin.

Kurz nach der Cote de Jongieux jagen Froome, Bardet, Porte, Aru, Fuglsang etc die Spitzengruppe um Simon Geschke.

Die Katze habe ich zwar noch nicht im Sack, aber wer weiß ob meine Oberschenkel das heute erlaubt hätten. Und noch eine Lektion lerne ich gerade. Ich wollte ja eigentlich auch noch die Galibieretappe fahren, in 10 Tagen, aber wenn die Polizei ähnlich strikt ist und frühzeitig den Galibier abriegelt, stehe ich ziemlich dämlich da. Anders als hier am Katzenberg gibt es dort keine Ausweichmöglichkeiten, um auf Schleichwegen sein Ziel zu erreichen. Vielleicht sollte ich unter diesen Umständen die Tour nochmal überdenken, oder einen Tag eher fahren, mal schaun.