Zum dritten Mal eine weitestgehend unbekannte Strecke: Unkenntnis der genauen Eckdaten der Pässe, Unkenntnis der Streckenführung. Und dann noch einigermaßen improvisiert. Fabian ist immer noch krank, und Julia zu müde für irgendwelche Aktivitäten, nach dem gestrigen Tag und v.a. dem gestrigen (langen) Abend. So bekomme ich kurzfristig den Freifahrschein für meine lange Runde. Obwohl die Voraussetzungen dafür nicht besonders toll waren: kurzfristig heisst später Start, nach einem bier- und weinseligen Abend, und nach nur einem Tag Pause der auch nicht wirklich Pause war (Klettersteig Premiere). Egal, per Auto gehts nach Aix les Bains (Schließung des Col du Chat sei Dank) und von dort aufs Rad. Die Familie kauft noch ein für den Abend und sucht eine Apotheke (Medizin für Fabi) während ich mich in Richtung Annecy auf den Weg mache. Zuerst gehts an den großen Bergmassiven entlang, trotzdem immer ansteigend. Nach ner Stunde bin ich in Quintal und habe die ersten etwa 500 Höhenmeter im Kasten. Jetzt beginnt der Aufstieg zum Semnoz, 11 km mit knapp 1000 Höhenmetern. Über weite Teile geht es mit 10% nach oben, auf einigermaßen unspektakulärer Strecke. Erst mit erreichen der Langlaufarena in etwa 1500 Metern Höhe ändert sich das. Die Bäume gehen zurück, es wird merklich kühler, und wenig später wird der Blick frei in Richtung Lac d´Annecy. Vom Lac du Bourget zum zweiten großen See der Gegend, schön, tolle Aussicht. Die Tour de France war 2013 hier, wie ein Banner noch immer verkündet. Kann ich mich gar nicht mehr erinnern…

Blick vom Semnoz Richtung Lac d Annecy.
Gipfel des Semnoz, knapp 1700 m, hatte ich irgendwie nicht auf dem Schirm.

Ich kaufe mir eine Pepsi und mache mich auf den Weg nach unten. Deutlich schlechtere Straße als auf der anderen Seite, aber auch deutlich weniger steil, deshalb doch angenehm zu fahren. Irgendwann wird die Straße dann besser, was den Abfahrtspaß deutlich steigert. In Leschaux lasse ich den gleichnamigen Pass links liegen und fahre weiter den Berg hinunter, bis Lescheraines. Hier hätte ich eine Nebenstraße zum Col de Plainpalais nehmen können, bleibe aber auf der Hauptstraße, wenn man sich nicht auskennt…

Am Ortsausgang gehts gleich hoch, für ein paar Kilometer, dann flach, wieder hoch, mal ein bisschen runter, wieder hoch – ein bisschen nervig weil unrhythmisch. Kurz vorm Zusammentreffen mit oben erwähnter Nebenstrecke gehts in einen gleichmäßigen Anstieg, und 2 km weiter ist der Col erreicht. Aber soll man den jetzt zählen? Eigentlich nicht, weil ohne Abfahrt geht es einen Kilometer weiter rechts ab und hoch Richtung Mont Revard. Neun Kilometer bei 300 Höhenmetern versprechen keine echte Herausforderung zu werden. Bei meist 4-6% geht es nach oben, einige Flachstücke und kurze Abfahrten sorgen für weitere Entspannung. Obwohl mir eine kontinuierliche Steigung deutlich lieber gewesen wäre. Kurz vor dem Gipfel eröffnen sich Ausblicke auf den Lac du Bourget und den Mont du Chat, schön. Die Zwei-Seenrunde nimmt Formen an. Der Mont Revard ist dann eine Sackgasse, hoch für diverse Aktivitäten und Aussichtsplattformen. Ich fülle hier meine Speicher auf, heute ist Nationalfeiertag und wer weiß wo ich noch einen Laden finde der offen hat und mit Getränke verkauft.

Sagen wir mal ein halber Pass, bevor es in den Revard geht.
Blick vom Revard zum Lac du Bourget, auf der anderen Seite wartet der Mont du Chat.

Dann gehts runter, ziemlich geile Abfahrt, gute und breite Straßen, rollt super, bis in die Ausläufer von Aix les Bains. Insgesamt 20 km haben die Straßenbauer den 1200 Höhenmetern spendiert. Für die andere Seeseite haben sie nur 13 km übrig, um die 1200 Höhenmeter des Mont du Chat zu meistern. Drei Kilometer mehr hätte ich gerne auf mich genommen, so aber geht es zum großen Finale in die im Vergleich zur Westflanke deutlich schwerere Ostflanke. Nach den ersten 2-3 km mit wechselnder Steigung und einigen kurzen Flachstücken geht es dann ab nach oben bei sehr konstanten 10%, und kaum Serpentinen zum entspannen. Ein Geduldsspiel, dass ich deutlich lieber auf mich nehme als den Revard, auch weil es hier sehr viel einsamer ist, kaum Verkehr, mehr Radfahrer als motorisierte Mitmenschen. Gut 90 Minuten brauche ich für die 13,4 km, dann bin ich oben, glücklich und zufrieden, beide Auffahrten des Katzenberges im Sack. Jetzt noch 16 km runter und dann bin ich wieder daheim.

Geschafft, Blick vom Mont du Chat via Lac du Bourget zum Mont Revard.

Zweieinhalb Pässe plus den Katzenberg und beide großen Seen gestreift, alles drin. Und auch meine Leistung war deutlich besser als noch am Sonntag. Vielleicht hat mich der Juni mit seinen drei Superlangstrecken und sonst keinerlei Touren aus dem Rhythmus gebracht. Aber jetzt habe ich ihn gefunden, so kann es weitergehen. Leider nicht. Am Gipfel des Mont du Chat merke ich dass mein Hinterrad sich nicht mehr sauber dreht. Schnell ist klar, eine Speiche ist gerissen und das Rad hat eine Monsteracht, so ein Mist. Wenn ich das nicht repariert bekomme kann ich weitere Touren vergessen. Aber erstmal muss ich diese Tour beenden. So langsam wie möglich rolle ich den Berg runter, bloß kein Schlagloch mitnehmen. Vierzig Minuten brauche ich für die 16 km bis zum Campingplatz, aber immerhin ohne weitere Schäden zu verursachen. Trotzdem ärgerlich, weil für meine 26 Zoller vermutlich keiner hier ne passende Speiche hat. Die Touretappe am Galibier hat sich damit vermutlich erledigt. Aber immerhin, die wichtigsten Berge zwischen den beiden großen Seen habe ich gefahren, das ist auf jeden Fall ein schönes Ergebnis.