Eine gebrochene Speiche ist kein Beinbruch, sollte man meinen, es war trotzdem schwierig ohne massiven Aufwand zu betreiben eine geeignete Werkstatt zu finden, um pünktlich zur Tour de France Etappe am 19. Juli wieder einsatzbereit zu sein, zumal noch ein Wochenende dazwischenlag. Mondovelo Chambery sei Dank hat es dann doch geklappt. Am 17.7. spaziere ich eine Stunde vor Ladenschluss in deren Werkstatt und habe eine halbe Stunde später ein einsatzbereites Laufrad in den Händen, toller Job. Aber ob das Rad dann auch einen Tag in den Alpen aushält?

Das war eine der Sorgen die ich hatte, neben den Sorgen um die Streckensperrungen, die mich vor zehn Tagen bei der Touretappe mächtig ausgebremst hatten. Und dem Wetter, weil die Gewitterwahrscheinlichkeit im Tagesverlauf zunehmen sollte. Letztendlich machte all das überhaupt keine Schwierigkeiten, aber die Anfahrt mit dem Auto, weil die Schnellstraße um Chambery gesperrt war und die Umleitung nicht so einfach zu entdecken war, gelang mir erst im zweiten Anlauf nach einer soliden Extraschleife. Zum Glück verlief die Parkplatzsuche in St. Jean de Maurienne sehr unproblematisch. Trotzdem kam ich erst 6:45 weg, 45 Minuten später als geplant.

Noch ein Wort zu meinem Startort. Ursprünglich wollte ich in Allemont starten, an der Südseite des Col de la Croix de Fer, aber die Erfahrung der Chambery Etappe hat mich zum Umdenken bewogen. Am Nordende des Croix de Fer zu starten bringt mächtig viel Vorsprung auf die Profis und damit ein geringeres Risiko in irgendwelche Polizeisperren zu laufen. Der Nachteil allerdings, während viele Zuschauer zur Tour fahren, um den Tourtross zu sehen, war das für mich ein Tag um die Strecke zu fahren, aber ohne auch nur einen Profi auf dem Rad zu sehen. Aber lieber fahr ich die Strecke und komplettiere die volle Runde als irgendwo in einer Polizeisperre zu enden. Also los gehts.

Ab St. Jean de Maurienne folge ich nicht nur der Tourstrecke sondern auch der Strecke der Marmotte, dem Murmeltierradmarathon, einem der großen Alpenmarathons, mit Start in Le Bourg-d’Oisans und Ziel in Alpe-d’Huez, über Croix de Fer, Telegraphe und Galibier, also alles auch auf meiner Strecke. Leider findet la Marmotte jedes Jahr Anfang Juli statt, also vor Beginn der Sommerferien, denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Heute war also die Gelegenheit mein eigenes Murmeltier zu jagen, und mich dabei sowohl auf den Spuren der Tour de France zu bewegen als auch den Spuren der Dauphine Libere zu folgen, aber dazu später mehr.

Einfahren zwischen St. Jean und St. Michel de Maurienne, 15 km nur leicht ansteigend. Erinnerungen werden wach, eine weitere Spur, 1998 war ich das erste Mal hier, mit meinem Bruder. In St. Michel kann man die Telegraphenmasten schon sehen, die namensgebend für den ersten Pass des Tages sind. Rüber über den Fluss und los gehts, 12 km berghoch, 854 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Aber nach meinem ‚Training‘ in Jura und Voralpen kann mich der Telegraphe nicht schocken. Muss ich nichtmal in den ersten Gang um da hochzufahren. Kann auch ausgiebig das Treiben am Streckenrand bewundern, was da alles installiert wird um die Profis zu begrüßen, oder aber was das alles aufgeräumt wird von der Nacht zuvor. Nach 61 Minuten bin ich oben, 4 Minuten schneller als 1998. Und auch den Bergwertungsbauer vom Col de la Biche treffe ich hier wieder. Kurz was essen und runter nach Valloire.

Der Telegraphe am Tag der Touretappe. Strohskulpturen gabs in Valloire noch viel mehr.

In Valloire geht es gleich bergauf, hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Und irgendwie geht es richtig schwer, kann ja was werden, ich ziehe die ersten 1-2 km trotzdem durch, bevor ich merke dass ich noch auf dem großen Blatt unterwegs bin. Jetzt bin ich erleichtert, und dann kommt das längere Flachstück, dass aber kürzer war als ich es in Erinnerung hatte. Egal, irgendwie müssen die Höhenmeter ja gefahren werden. So langsam kommt auch Spannung auf, wie ist das mit den Straßensperrungen geregelt? Die erste in Plan Lachat ist einfach nur eine Schranke, ohne Polizei, da kann man gut drumrum. Jetzt geht es in das Serpentinenstück, mit immer wieder tollen Ausblicken zurück ins Tal Richtung Valloire. Zuschauer überall, laufend, radelnd, am Straßenrand stehend, echt busy. Dann kommt so langsam der Gipfel in Sicht, und die Erkenntnis, dass nach Pässen wie Col de la Biche, Colombier und Mont du Chat der Galibier ein echt angenehmer Zeitgenosse ist. Fährt sich sehr schön, nie zu steil, immer auch mal Serpentinen zum entspannen (1244 Höhenmeter bei 18 km). Und dann die Landschaft, kein Wald, hochalpines Gelände, grandios. An der 1000 m Marke steht ein Fotograf, der mich ablichtet und mir seine Visitenkarte in die Hand drückt. Muss ich mal schauen was der zu bieten hat, was ein Spektakel, alles dabei.Nach 98 Minuten bin ich oben, 7 Minuten schneller als 1998 (wobei 1998 keine weiteren Pässe auf dem Programm standen für den Tag).

Blick Richtung Passhöhe des Galibier

Die Passhöhe bietet kaum Platz, v.a. nicht heute, bei den vielen Leuten. Schnell einen Riegel reingestopft und runter gehts, der Lautaret ist mein Knackpunkt für heute, mit Blick auf die Polizeisperren. Wenn sie die Straße nach Le Bourg-d’Oisans für die Begleitfahrzeuge sperren, könnte es für mich eng werden. Wurde es aber nicht, freie Fahrt ins Tal. Die nächsten 25 km sind ziemlich geil, breite Straße, gute Straße, und meist mäßiges Gefälle. Außerdem habe ich meine Spur fast für mich alleine, alles fährt in die andere Richtung, mit dem Auto, mit dem Rad, ab zur Tour. An der Barrage du Chambon verlasse ich die Hauptstraße und biege rechts ab, zum Col de Sarenne. Über die 21 Serpentinen nach Alpe-d’Huez fahren kenn ich schon, aber via Sarenne ist neu für mich. Jetzt bin ich auf den Spuren der Dauphine Libere, die dieses Jahr den gleichen Weg gewählt hat. Außerdem hat es für mich den Vorteil, Hauptstraße auf dem Weg nach Allemont zu sparen. Durch die zusätzliche Passfahrt reduziere ich außerdem das Risiko doch noch an einer Polizeisperre warten zu müssen.

Einstieg in den Sarenne an der Hauptstraße nach Bourg-d’Oisans.

Der Sarenne fängt sehr steil an, wird aber auch mal flach und hat im unteren Teil auch eine kurze Abfahrt eingebaut. Sowas mag ich ja überhaupt nicht, wenn schon hoch dann auch am Stück. So langsam wird es ein bisschen drückender, der Himmel wird dunkler. In Clavens steht ein Brunnen, den ich für eine kurze Kopfdusche nutze, das tut gut. Dann fallen auch die Flachstücke weg und nach etwas mehr als der Hälfte der 13 km kommt die Passhöhe ins Sichtfeld. Noch ein gutes Stück weg, jetzt wird es auch hochalpin und so wie man sich das Passfahren vorstellt. Es ist recht einsam hier, kaum Autos, kaum andere Radfahrer. Dafür bimmeln Kuhglocken und rauschen Gebirgsbäche ins Tal. Nach 80 Minuten bin ich oben, hartes Stück Arbeit, und wie zu erwarten ist hier nichts los, auch kein Kiosk oder Restaurant, und vom Trubel in Alpe-d’Huez noch nichts zu sehen. Nach einer kurzen Abfahrt und mehreren kurzen ansteigenden Passagen kommen dann die ersten Liftanlagen und Hotels in Sicht, der Skiort ist errreicht.

Landschaft am Sarenne, kurz vor erreichen der Passhöhe

Nach dem Auffüllen der Getränkevorräte gehts runter, aber nur ein Stück. Kurz nach dem Zusammentreffen der beiden Aufstiegsrouten nach Alpe-d’Huez gehts rechts weg Richtung Villard-Reculas. Auf einem schmalen Sträßchen geht es hoch über dem Tal rüber in den Ort, toll, wie auf einem Balkon. Obwohl mir scheint, dass ich viel Gegenverkehr habe. Die Zuschauer von der Tour kommen mir entgegen. In Villard-Reculas gehts auf eine toll ausgebaute und breite Straße ab ins Tal nach Allemont, Superabfahrt. Und auch hier, viel Verkehr von unten und auf meiner Spur bin ich alleine. Gegen den Trend zu schwimmen hat schon was, interessante Erfahrung. In Allemont wartet dann die Antwort auf die letzte spannende Frage des Tages: ist der Croix de Fer schon wieder freigegeben? Er ist es, freie Fahrt nach oben.

Steil und schmucklos gehts durch den Wald, im unteren Teil des Croix de Fer

Am Croix de Fer bedauere ich dass ich nicht nochmal meine eigene Passbeschreibung von 1998 gelesen habe. Wenn Alpe-d’Huez ein ehrlicher Berg ist und der Mont du Chat von Osten der Superehrliche unter den Pässen, dann ist der Croix de Fer ein Schwindler wie er sich gewaschen hat. Meine Besteigung beginnt nach dem Stausee in Allemont, der Kilometerstein verrät noch 25 km bis zum Gipfel. Kurz hoch, ein bisschen runter, hoch, wieder flach – kann der sich mal entscheiden…dann gehts in den Wald und wird richtig steil. Schmucklos und ohne Kurven geht es nach oben, und mir kommen Scharen von Zuschauern entgegen, Wohnmobile, Radfahrer. Nach etwa 7 km wird es flacher und es kommt ein kleiner Weiler mit Verpflegungsmöglichkeiten. Essen und trinken nachfüllen ist dringend nötig, der Weg ist noch weit. Weiter geht es, erst flach, dann runter, dann steil runter, 12%, großer Mist. Noch habe ich irgendwie 2300 m als Gipfelhöhe im Kopf, na das kann ja was werden. Kaum hat man das Bergabstück wieder kompensiert, gehts erneut nach unten. So langsam wird es echt lästig, ich glaube den Croix de Fer fahre ich nicht nochmal. Vor dem nächsten Stausee geht es in Serpentinen hoch, und dann wird es wieder flach. Und so langsam kehrt die Erinnerung von 1998 zurück, und die Erkenntnis, der Pass ist keine 2300 m hoch sondern nur etwas mehr als 2000 m. Es geht wieder runter und dann warten die letzten 4-5 km mit mäßiger Steigung (5-6%). Trotzdem bin ich froh als ich nach 2:12 Stunden endlich oben bin, das zieht sich, langes Elend. Tolle Landschaft, aber schwer zu fahren.

Nochmal eine Orangina trinken und dann ab nach unten. Wobei auch die Abfahrt nach St. Jean nicht durchgehend nach unten geht. Auf halber Strecke kommt eine Gegensteigung, ok, mit der hatte ich gerechnet. Aber 5 km vor dem Tal kommt noch eine, und dann noch eine, ich habe keinen Bock mehr, kann keine Berge mehr sehen (für heute). Aber ich bin froh, dass ich gut rumgekommen bin, keine Polizeisperren, kein Gewitter, mein Rad hat durchgehalten und auch ich selber habe gut durchgehalten. Am Ende stehen 4 Pässe und insgesamt 4845 Höhenmeter (laut Radcomputer) bei 174 km in 9:51 Stunden reiner Fahrzeit (mit Pausen für nachtanken, fotografieren und verschnaufen sind es 11:20 Stunden). Komisch nur dass la Marmotte mit über 5100 Höhenmetern angegeben ist. Ich habe zwar etwas Höhenmeter auf dem Weg nach Alpe-d’Huez gespart, bin dafür aber den Croix de Fer gefahren und nicht ’schon‘ am Glandon abgebogen. Egal, war ne schöne Runde, und auch ohne die Profis konnte ich Touratmosphäre schnuppern, hat Spaß gemacht.