Ein neues Event im Radkalender – und ich bin einer von ungefähr 150 Premierengästen, die der Einladung gefolgt sind. Ein neues Format für ein Radevent – das zumindest für mich, keine Ahnung ob es vergleichbares anderswo gibt. Beworben war der erste Rhön 300 als Radrennen, 300 km und 4500 Höhenmeter durch die Rhön, vom Start in Schondra. Ob man das Ergebnis als Radrennen bezeichnen kann – darüber bin ich mir auch nach seinem Ende nicht sicher. Fest steht, die ersten 38 km fanden auf gesperrten Straßen statt und es gab eine Zeitwertung, mit Ziel nach eben diesen 38 km, am Basaltwerk kurz vor Gefäll. Die restlichen rund 260 km wurden ohne Zeitwertung gefahren, mussten aber im 25er Schnitt gefahren werden um in die Wertung zu kommen. Und hier fing die Verwirrung dann an. Auf der Website hieß es, dass man 13 Stunden Zeit hatte, was für 300 km aber keinen 25er Schnitt macht. Die Organisatoren hatten aber für die letzten 100 km einen einstündigen Puffer eingebaut, um einen pünktlichen Zielschluss zu ermöglichen. Für die 200 km bis Hammelburg galt der 25er Schnitt und acht Stunden nach dem Start wurde hier die Tür für die volle Strecke zugemacht, was aber sicher nicht allen wirklich klar war, aber dazu später mehr.

Dieses Rennkonzept hatte mich auch im Vorfeld der Veranstaltung mächtig grübeln lassen, mehr noch seit ich wusste, dass nur 150 Leute am Start stehen. Wie werden die das fahren, als Rennen oder als Radmarathon? Und wie schaffe ich es im 25er Schnitt zu bleiben, zumindest auf den 200 km bis Hammelburg. Die Hoffnung war, am Anfang irgendwo in einer Gruppe mitrollen zu können und sich bis zum Ziel der Zeitwertung mitschleppen zu lassen. Die Rechnung hatte ich aber ohne das Streckenprofil gemacht, das sehr viel bergiger war als ich es erwartet hatte. Die Rechnung hatte ich aber auch ohne das Wetter gemacht. Irgendwie wäre es ja schonmal schön gewesen, eine Runde durch die Rhön bei halbwegs normalem Sommerwetter zu drehen. Nur leider hatte sich die Prognose kurzfristig verschlechtert und am 13.8. morgens um sechs regnete es Bindfäden. Der Start wurde um 15 Minuten verschoben, weil es einfach noch zu dunkel war. Am Regen und am Nebel änderte das nichts. Als es in Geroda zum ersten Mal richtig bergan gin, war man schnell in den Nebel getaucht und stocherte dann für die nächste Stunde darin herum. Schöner Berg, gut zu fahren, schöne Strecke, durch den Wald, nur leider sah man halt überhaupt nichts vom Rest der Landschaft.

Am Basaltwerk bei Gefäll wartete das Ende der Zeitwertung und die erste Miniverpflegung. Schnitt 21,6 km/h bis hierhin, unterirdisch, das hatte ich mir anders vorgestellt, aber es ging halt echt viel berghoch. In kleinen Gruppen zu je fünf Fahrern wurde man in die Abfahrt geschickt, steil und rutschig, da wollte man kein Risiko gehen. Grandiose Abfahrt, und unten warteten die ersten Sonnenstrahlen des Tages, da sieht doch die Welt gleich ganz anders aus. Über Schmalwasser und Sandberg ging es dann wieder hoch, Richtung Bischofsheim, wo die erste größere Verpflegungsstelle wartete. Mittlerweile hatten sich auch die Grüppchen gefunden, und man war immer von den gleichen Fahrern umgeben. Laugenstange kauend und mit Mistreitern quatschend gings hoch zur Schwedenschanze, man war ich lange nicht mehr hier gewesen. Mittlerweile habe ich mich auch schon damit abgefunden, Hammelburg nicht rechtzeitig zu erreichen, zu langsam bin ich unterwegs. Aber es ware dann zuviel der Berge um ordentlich Tempo zu machen. Und auch die Tatsache das überraschend viele das Ding als Radmarathon fahren hilft nicht wenn man flott vorankommen will. Dafür ist es umso angenehmer, weil man erstens genug Leute um sich hat die mit einer ähnlichen Philosphie auf dem Rad sitzen, und zweitens fährt man sich nicht total kaputt.

Runter von der Schwedenschanze, hoch zur Wasserkuppe, raus aus dem Nebel, und wieder rein. Obwohl es nicht mehr regnete, der Nebel hing immer noch über den Bergen. So bin ich zum zweiten Mal dieses Jahr auf der Wasserkuppe und sehe – nichts, wieder im Nebel. Mittlerweile bin ich alleine, und auf der Abfahrt muss ich mich selbst um die Navigation kümmern. Läuft gut, auf zumindest in den Tälern mehr und mehr abtrocknenden Straßen. Noch ein großer Berg bevor es auf das lange Stück Richtung Maintal geht. Der Berg nach Frankenhausen steht auf dem Programm, ein ungeliebter Berg, weil über weite Strecke grober Asphalt der überhaupt nicht rollt. Mittlerweile habe ich wieder Gesellschaft und zu zweit fahren sich auch ungeliebte Berge ganz gut. Oben eine kleine Verpflegungskontrolle, die ich auch nutze um mich von den Füßlingen zu befreien. So langsam beginne ich mir dann doch mal wieder Gedanken um den Kontrollschluss zu machen. Ich habe nicht den Eindruck dass meine Mitstreiter den für voll nehmen, oder habe ich was verpasst? Und außerdem erinnere ich mich auf der Website was von einem Besenwagen gelesen zu haben. Überholt der einen ist man raus aus dem Rennen, überholt man ihn seinerseits wieder ist man wieder drin. Ich habe aber bis jetzt noch kein Auto gesehen das wie ein Besenwagen ausgesehen hat. Hat sich von dem Zeitlimit verabschiedet? Hat man aufgrund es Wetters eine Kulanzzeit eingeführt? Bin ich etwa doch noch auf Kurs? Über die vier großen Berge der Rhön bin ich immerhin mit einem 23er Schnitt gekommen, ich werde schneller.

Runter gehts, über Frankenhausen nach Fladungen, dann weiter nach Ostheim. Hier schließen vier Thüringer von hinten auf, mit denen ich dann bis kurz hinter Bad Neustadt fahre. Ein Plattfuß stoppt die Gruppe und ich entschließe mich weiterzufahren. Die kleine Hoffnung noch im Zeitlimit unterwegs zu sein treibt mich voran. Trotz Gegenwind komme ich gut voran, nähere mich peu a peu dem 25er Schnitt. Ohne die Pausen, die am heutigen Tag allerdings sehr kurz ausgefallen sind wäre ich auf jeden Fall noch im Rennen, 15 Minuten habe ich bisher gehalten, und bin mittlerweile 150 km gefahren. Über ein paar Nebenstrecken und kleinere Hügel bis Berge erreiche ich die Kontrolle in Bad Bocklet. Hier erkundige ich mich nach dem Kontrollschluss. Die beiden Damen wussten es nicht, erkundigten sich aber via Telefon. Es hieß dann, dass es noch 25 km sind und noch 50 Minuten Zeit, das ist machbar. Also gleich wieder aufs Rad und gib ihm.

Ab Bad Bocklet kenne ich die Strecke wieder, meine Schwiegereltern wohnen in Bad Kissingen und ich bin hier schon ein paar Mal zum Laufen gewesen. Das hilft, schnell bin ich in Bad Kissingen, wo meine Frau mich erwartet, toll. Ich überlasse ihr Arm- und Füßlinge und folge dann zwei Kollegen. Denen erzähle ich von meiner Info mit dem Kontrollschluss, die ich offensichtlich einigermaßen exklusiv habe. Nur was nützen einem die besten Infos wenn sie falsch sind. Das mit den 50 Minuten hat gestimmt, das mit den 25 km nicht. Am Ende sind es 33 km bis zu dem angekündigten Checkpoint, und ich bin 20 Minuten zu spät, trotz 28,5 km/h auf den letzten 100 km. Was nun, ich berate mit den Herrschaften der Feuerwehr die Alternativen. Man kann gerne weiterfahren, aber nur unter Abgabe der Startnummer, auf eigene Kappe, sich selbst verpflegend. Oder man fährt via B27 direkt zurück nach Schondra. Ich entscheide mich dann für die „kurze“ Variante. Die Wertung ist sowieso futsch, und ich weiß dass ich 300 km fahren kann. So mache ich mich nicht kaputt und kann mein normales Training fortsetzen, die Saison ist ja noch nicht zu Ende.

So komme ich in den Genuss einer sehr verkehrsarmen B27, lasse es sehr gemütlich angehen. Die Strecke passiert Wartmannsroth und ich überlege kurz ob ich mich nochmal unters Volk mischen soll, links nach Völkersleier ist es nicht weit, und ich wäre wieder mittendrin im Geschehen, könnte zumindest so tun als wäre ich noch in der Wertung. Aber nein, gegen vier bin ich wieder in Schondra, und treffe dort einige meiner ehemaligen Weggefährten wieder, die auch abgewunken wurden und den direkten Weg nach Schondra angetreten haben. Dort wartet man auf die Ankunft der ersten Finisher. Um 16:50 ist es soweit, die beiden ersten sind da und werden wie die Sieger gefeiert. Erzählen davon, dass sie in Gräfenroda angegriffen hätten und den anderen davongefahren sind. Die Frage ist nur, sind es die Sieger? Mein Verständnis war, dass die Endzeit am Basaltwerk bei Gefäll zählt, und es danach nur darauf ankommt mit einem 25er Schnitt zu finishen. Hätte man nicht bis Gefäll Vollgas fahren können und dann in aller Ruhe zu Ende fahren, um trotzdem zu gewinnen? Wahrscheinlich habe ich das Konzept noch immer nicht ganz verstanden, egal, wichtig für mich war dass es genügend Teilnehmer gab die hier wie bei einem Radmarathon gefahren sind. Wenn man es dann noch ein bisschen zügiger schafft über die großen Berge der Rhön zu kommen, ist auch der Kontrollschluss kein Problem mehr. Muss ich mal überlegen, ob es sich nochmal ergibt und ich irgendwie ein bisschen schneller werden kann.

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Rhön 300 Wegweiser in Bad Kissingen. Schön groß, aber nicht immer weit genug vor der Kreuzung. Schöne Innovation, die Ankündigung der folgenden Kreuzung, hier 100 0 m weiter.

Noch ein paar Worte zur Organisation. Wie gesagt, das Konzept der Veranstaltung ist ungewöhnlich, und ich habe es wohl noch nicht ganz verstanden. Eine klare Beschreibung auf der Website wäre gut. Was wird gewertet, wie gewinnt man, wie verhält es sich mit dem Kontrollschluss und gibt es einen Besenwagen? Bei der Beschilderung waren neue Ideen umgesetzt, sehr cool. Unter der aktuellen Richtungsangabe stand auch die Entfernung bis zur nächsten Kreuzung und wie es dort weitergeht. Die Schilder standen allerdings zu dicht an den Kreuzungen und waren farblich nicht immer gut abgesetzt. Da musste man manchmal schon stark bremsen, um den Inhalt der Schilder zu verstehen. Hier liefern die Kollegen aus Bimbach gute Beispiele, wie man beschildern sollte, Richtungspfeile in knalligen Farben rechtzeitig und mindestens einmal vor jeder Kreuzung. Die folgende Kreuzung anzukündigen ist allerdings eine gute Idee. Bei der Verpflegung gibt es nicht viel zu meckern. Es macht auch Sinn eine Veranstaltung für 150 Leute anders zu organisieren als eine Veranstaltung für 2000 Leute. Die Äpfel in Schnitzen anzubieten und stilles Wasser auf Vorrat zu haben hätte mich gefreut. Und die Unterscheidung mit großer und kleiner Pause hat für mich nicht soviel Sinn gemacht. Das Angebot bei den großen Pausen war vielfältiger, aber zu essen und trinken gab es in beiden Fällen. Es war mir nur nicht klar, wo die kleinen Pausen sind, um sich darauf einzurichten. Eine gute Idee finde ich auch immer Streckenkarten an Start und Ziel sowie an den Verpflegungsstellen, damit man sich unterwegs auch informieren kann wo man ist und was einen erwartet. Ich kannte die Strecke in weiten Teilen, aber es gab sicher auch nich ortskundige Teilnehmer.

Was mich überrascht hat war das Programmheft, hatte ich bei noch keiner Veranstaltung, und ich persönlich habe es auch nicht gebraucht. Die ausfürliche Belehrung war auch ungewöhnlich, aber sicher eine Aufflage der Polizei. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass man die Startnummern wieder abliefern muss. Im Ziel hat das aber keinen mehr gekümmert und ein jeder ist mit Startnummer und Transponder nach Hause. Was ich extrem beeindruckend fand war der Einsatz der Feuerwehr, überall im Einsatz, neuralgische Punkte und Kreuzungen abgesichert, auch auf dem nicht gesperrten Teil, phantastisch. Keine Ahnung wie es gelungen ist die alle an die Straße zu bekommen, aber das war richtig gut. Beeindruckend war auch das Herzblut, dass in die Veranstaltung gesteckt wurde. Das hat man überall gemerkt, freundliche und engagierte Menschen überall, am Start und Ziel, bei den Verpflegungsstellen. Das hat dieser Premiere von Rhön 300 sicher gut getan.