Sommer im April, unfassbar, 25-28°C, Sonnenschein, überwiegend blauer Himmel, nicht zu toppen, phantastische Bedingungen für die lange Reise von Liege nach Bastogne und zurück. Aus den Erfahrungen vom letzten Jahr reise ich etwas eher an, schaffe es noch mir am Vorabend die Startunterlagen abzuholen. Nach drei Mal in der Schlange stehen habe ich alles beisammen und begebe mich wieder zurück zum Auto. Das steht dieses Jahr etwa 50 m weiter weg von der Straße, fast schon idyllisch mein Standplatz, hinter Büschen sollte es ruhiger und dunkler sein (was es auf jeden Fall auch war). Für diesen Abend habe ich mir dann eine Pizzeria ausgesucht, für die ich den ersten Kilometer der Strecke schonmal ablaufen kann. An der Maas entlang stehen die Camper der Teilnehmer während die überwiegend arabisch-stämmige Bevölkerung den Abend am Fluss ausklingen lässt. Meine Pizza verzehre ich in einem Park, nochmal Idylle, auch wenn der Park bei näherem Hinsehen dann doch ganz schön vermüllt ist.

302B15F4-E977-496E-A8D8-70394BE57479
Noch einmal schlafen und dann gehts los. Startnummern montiert, Schlafplatz eingerichtet, die Nacht kann kommen.
B26D4D05-CCA9-4B5A-8185-B533E881FABF
Irgendwie idyllisch, mein Autostellplatz, ja wenn…
A4A068C6-9944-4A9A-8A0B-F557288DCAFF
…ja wenn man sich nicht vorstellt, dass mein Auto zwichen dem hässlichen rotbraunen Gebäude und den Büschen davor steht. Idylle? Aber ruhig war es, und trotzdem zentral, mit Blick auf den Startplatz, also perfekt, jederzeit wieder.
6EDBCAE9-23CA-4798-B9BD-B82A513921DF
Hier habe ich meine Pizza verzehrt, auch schon fast idyllisch, ja wenn…

 

Um zehn liege ich im Bett und sieben Stunden später wache ich gut ausgruht vor dem Wecker wieder auf. Frühstücken, alles zusammensuchen, anziehen – um 6:30 reihe ich mich in die lange Schlange derer ein, die sich auch auf den Weg nach Bastogne machen wollen. Zumindest gefühlt viel mehr Menschen als letztes Jahr, ein Riesenfeld, dass sich mühsam durch die Straßen von Lüttich quält.

DD71C4CA-BFC9-462E-B6E9-784EE1C0E482
Der Weg durch Lüttich und auch anderswo wird eindeutig markiert. Diese Schilder weisen den Weg und sind nicht zu verfehlen. Perfekt!

Ich bin froh als es nach 8 km links weg in den ersten Anstieg geht. Fünf Kilometer geht es nach oben, das hilft um das Feld auseinanderzuziehen. Trotzdem finden sich auf den folgenden Flachstücken immer wieder gute Grüppchen zusammen, sodass man nicht alleine fahren muss. Am Chateau de Harzé vorbei habe ich meiner erste kkleine Krise. Das kann ja heiter werden. Aber vielleicht fühle ich mich einfach nur nicht besonders toll, weil ich die Gruppe den Anstieg hochgezogen habe und dann kommt von hinten ein D-Zug angebraust dem ich nicht folgen kann. Egal, der Tag ist noch lang. Erste Verpflegungskontrolle, zügig Nachschub fassen und weiter. Nach 78 km kommt der erste kategorisierte Anstieg, Côte de Bonnerue, dieses Jahr neu im Programm. Fährt sich gut. Danach gehts über eine bodenwellige Hochebene bis Bastogne. Auf den letzten 6 km stehen in dichter Reihung locker 10-15 Radfahrer am Straßenrand und flicken Reifen. Was denn hier passiert, lag irgendwas auf der Straße? Ich warte schon darauf, dass mir auch die Luft aus den Reifen entweicht, passiert zum Glück nicht und ich erreiche den Wendepunkt der Runde in Bastogne. Hier muss ich eines der Toilettenhäuschen aufsuchen und muss zu meinem Glück feststellen, dass sogar Toilettenpapier in ausreichender Menge vorhanden ist, toll, prima organisiert. Die Verpflegung ist ansonsten auch gut organisiert, nur dass die feste Nahrung etwas eintönig ist: Lütticher Waffeln, kruidenkoek, Bananen, Orangen, Energieriegel dominieren das Bild. Ok, aber nicht umwerfend. Und falls man auf dieser Veranstaltung Werbung für Etixx machen wollte, mich haben sie nicht überzeugt. Die Getränkeauswahl von Etixx werde ich mir nicht ins Regal stellen.

Weiter gehts, von nun an mit dem Wind im Gesicht. Die Erinnerung vom letzten Jahr lässt mich auf eine Gruppe hoffen, um die 20 km bis zur Côte de Saint-Roch gut über die Bühne zu kriegen. Vor mir bildet sich eine, ein paar kräftige Pedalumdrehungen später habe ich ihr Ende und kann ihr folgen. Und sie rotiert nicht mal, man kann sich prima drin verstecken und mitrollen. Wo ich im letzten Jahr mit Regen im Gesicht mich vorankämpfe, rolle ich locker über die Hochebene. Auch die dann folgende ansteigende Passage geht gut, ganz anders als im letzen Jahr. Und an der Saint-Roch habe ich dann weiterhin einen Schnitt von >28 km/h, sehr cool. Am Berg fliegt die Gruppe dann aber auseinander, bis zu 20% gehts nach oben. Die folgenden 15 km bis zur Kontrolle nach Gouvy bin ich weitestgehend auf mich gestellt. In Gouvy dann die erste Fußentlastungspause. Mit neuen Schuhen ausgestattet will ich meinen Füßen eine Pause gönnen. Wie im letzten Jahr gibt es hier belegte Brötchen, es bleibt die einzige Station mit herzhafter Kost. Jetzt haben wir auch Halbzeit, was die Streckenlänge betrifft. Die fetten Berge kommen aber noch.

Hinter Gouvy geht es einen kleinen Berg hoch und von hinten naht ein D-Zug, naja, mehr ein ICE. Große Gruppe, schnelle Gruppe, ob ich mit der über den Berg komme? Ich schaffe es gerade so am Ende der Gruppe über die Kuppe, und was danach kommt ist irre. Mehr und mehr Fahrer einsammelnd wächst das Feld. 60-70 Mann locker, vielleicht auch 100, und auf dem leicht abfallenden Gelände lässt man es krachen, 40-50 Sachen. Ein Ordner naht und will die Gruppe zur Einerreihe zwingen, klappt nur mäßig, und endet in massiven Fluchtiraden. Kurz vor Vielsalm reisst das Feld an einer Bodenwelle auseinander, und ich muss sprinten um in das Loch zu kommen. Am Fuß der Côte de Mont-Le-Soie habe ich dann 29,2 km/h auf dem Tacho, das ist ja irre, wir fahren hier durch die Ardennen und dann so einen Schnitt. Nach Hause bring ich den trotzdem nicht, das ist mir klar. Denn jetzt beginnen die richtigen Berge. Noch 9 kategorisierte Anstiege auf den folgenden 100 km. Mont-Le-Soie macht den Anfang und ist ein neuer Anstieg, mäßig steil, 4 km lang, gut zu fahren. Côte de Pont und Côte de Bellevau folgen kurz vor Malmédy. Dann Verpflegung, noch immer 28,4 km/h. Wasser hat mehr und mehr Hochkonjunktur, trinken, waschen, sich über den Körper gießen – alles sieht man hier.

95147640-F14D-4DF1-BEDB-3F37ACCC299B
Zwei Drittel geschafft, die Verpflegung in Malmedy.
IMG_0307
Der Bedarf an Wasser steigt. Schon verrückt, bei Regenwetter verflucht man es, und bei Sonne kann man gar nicht genug davon haben.

Die Côte de la Ferme Libert ist echt hart, zieht sich bis man oben ist. Und danach wirds angeblich flach (sagen die Reporter tags darauf im holländischen Fernsehen), aber bis man sich in die eigentliche Abfahrt an den Fuß des Col du Rosier stürzen kann gibt es drei kleinere Anstiege auf 15 km. Im letzten Jahr haben die mich furchtbar genervt, aber das Wissen über das Streckenprofil und meine gute Form am heutigen Tag machen es erträglich. Rosier wie immer sehr schön zu fahren, der Col du Maquisard dann auch, bevor es ins große Finale geht. Bei Kilometer 225 steht La Redoute auf dem Programm, und noch immer 27,2 km/h auf der Uhr. Die Zeitkontrolle an der Redoute verbucht 9:16 für mich, das ist immerhin 20 Sekunden schneller als letztes Jahr, wenn man das so sagen kann, weil schnell bin ich nicht wirklich hier hoch gekrochen. Die Profis waren am nächsten Tag in der Hälfte der Zeit oben.

38D4303B-703D-4143-BD71-EEA494C39778
Am Gipfel der Côte de la Roche-aux-Facons.

In Sprimont die letzte Verpfelgungskontrolle, letztes Mal auftanken und Füße entspannen. Geht aber besser als gedacht, mit den letzten neuen Schuhen hatte ich mehr Probleme. Die Côte de la Roche-aux-Faucons ist der vorletzte Anstieg, ebenfalls gezeitet, 9:27. Oben noch ein letztes Gel einwerfen und dann ab Richtung Lüttich. Aus irgendeinem Grund führt man uns dieses Jahr an der Uni von Lüttich vorbei, erst hoch, dann um zig Ecken, durch den Verkehr. Und dabei hatte ich mich auf eine lange Abfahrt gefreut. Zum Glück gehts dann wieder auf die Originalstrecke und noch ein Stück runter. Bei Standard Lüttich vorbei, über die Autobahn, und rein nach Saint Nicolas. Nochmal steil nach oben, 6:38 werden für mich gestoppt. Das ist etwa ’ne Minute schneller als letzts Jahr, wow. Apropos schneller: mein Schnitt ist zwar mittlerweile deutlich gesunken, aber immer noch 26 km/h. Das Finale vergeht wie im Fluge und selbst die letzten Meter hoch nach Ans kommen mir nicht so schwierig vor wie in den Jahren zuvor. Und während meine Tochter zu Hause um ihr B-Diploma schwimmt gehe ich hier auf die letzten Meter. Wieder mal ein emotionales Erlebnis. Wobei ich mich mehr für meine liebe Tochter freut, dass sie endlich dieses (blöde) Schwimmdiplom nach Hause tragen kann. Aber auch ich freue mich über meine Leistung heute. Mehr als eine Stunde schneller als letztes Jahr, bei einem Anstieg mehr und dem Umweg über die Lütticher Uni. Drei Kilometer pro Stunde schneller, echt irre, lags am guten Wetter, an der guten Form oder am neuen Rad (hatte ich es schon gesagt, ich habe seit 10 Tagen ein neues Rennrad, und das heute war seine Premiere bei einem Event)? Keine Ahnung, wahrscheinlich ein bisschen von Allem. Wie soll ich das jemals toppen können? Genießen wir den Moment, essen noch ne Wurst und fahren dann wieder nach Hause.