Bisher bestand meine Radsportwelt im Wesentlichen aus Radmarathons, gerne auch mal etwas länger, aber nie ultra. Im Gegensatz zu den langen Radmarathons wie Trondheim-Oslo fährt man beim Ultracycling alleine, Windschattenverbot. Das Race Across Germany von Aachen nach Görlitz ist eines der kürzesten Ultracyclingrennen – mit entspannten 780 km in maximal 40 Stunden, vom 1. bis 2. Juni 2018. Gute Gelegenheit in die Szene mal reinzuschnuppern. Schön ist auch, dass das Rennen auch als non-supported Version angeboten wird, ohne Begleitfahrzeug, alle Ausrüstung am Rad. Ultraradfahrer verpflegen sich auch selbst, Tankstellen bekommen so eine ganz andere Bedeutung. Und so verbringe ich die Tage vor dem Rennen mit Tankstellen kartieren. Dazu kommen Ausrüstungsfragen, die es zu klären gilt, Testfahrten absolvieren, Hotels und Züge organisieren. Einiges an Arbeit, die für einige ausgefüllte Abende sorgt.

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Rathaus am Tag vor dem RAG, noch ist schönstes Wetter.

Was mich auch am RAG Aachen-Görlitz gereizt hat ist die Streckenführung und die Terminplanung. In der Nacht vom 1. auf den 2. Juni vor 29 Jahren sind wir von Ost nach West, aus der DDR ausgereist. Und nun gehts in die andere Richtung, durch große Teile von Thüringen, entlang der A4. Wie oft war ich hier schon privat und beruflich unterwegs.

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Morgens um acht in Aachen…

Am Vorabend des Rennens ist Briefing und gemeinsames Abendessen. Erste Gespräche entwickeln sich, Pläne für die Fahrt werden ausgetauscht. Dazu ist das Wetter ein Thema. Seit zwei Wochen jagt ein Gewitter das nächste und ein Ende ist nicht in Sicht. Und so kommt was kommen muss, am Morgen des 1. Juni werde ich von Blitz und Donner und Starkregen geweckt, hurra. Am Start drängt sich alles unter einen Minipavillon, bei insgesamt 22 Startern gerade noch machbar. Trotzdem lässt es sich der OB von Aachen nicht nehmen, uns auf die Reise zu schicken. Im Zweiminutentakt werden die Starter ins Rennen geschickt, 8:08 bin ich dran. Bald schon lässt der Regen nach und in Düren entledige ich mich meiner Regenjacke. Mit Rückenwind gehts in die Rheinebene, die ersten überholen mich. Ich fahre aber weiter mein Tempo. Und plötzlich bin ich in Bonn, ohne richtige Vorwarnung. Und es fängt wieder an zu regnen. Bonn ist furchtbar, irre viel Verkehr, es geht mitten durch, um über den Rhein zu kommen.

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Wasser von oben und unten, der Rhein in Bonn bei Regen.

Dann der erste geplante Tankstopp, noch ist alles im grünen Bereich, ein siebtel geschafft. Zum ersten Mal treffe ich Yves aus Belgien, können wir sogar ein bisschen Niederländisch quatschen. Dann kommt der große Regen, zwei Stunden Vollwaschgang. Zwischenzeitlich haut es so dermaßen runter, Wahnsinn, zum Glück ist es nicht kalt. Prophylaktisch wechsel ich schon mal auf Flüssignahrung. Ich habe einiges an Ensure dabei. Das Extragewicht wird sich hoffentlich auszahlen. Tut es aber nicht. Kurz hinter Altenkirchen bahnt sich die Portion Ensure ihren Weg ins Freie. So langsam bekomme ich Übung mich vom Rad aus zu übergeben ohne mich komplett einzusauen. Das kann ja heiter werden. Und es geht weiter auf und ab. Nach etwa 200 km ist der Gipfel des Westerwaldes erklommen. Außerdem sind 10 km Strecke dazugekommen, was solls.

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Irgendwo im Westerwald.
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Aartalsee bei blauem Himmel.

Am Aartalsee lege ich den zweiten geplanten Stop ein, und kann sogar halbwegs normal essen. Hat sich mein Magen wieder beruhigt? Hat er nicht. Auf der Weiterfahrt merke ich schnell, dass selbst die Zufuhr von Getränken nur mühsam ohne Würgereiz vonstatten geht. Ich genieße trotzdem die Fahrt in den Abend. Es ist angenehm warm, die Sonne lässt sich manchmal blicken, tolle Strecke, wenig Verkehr, herrlich. In Amöneburg lege ich in einem tollem Lokal einen Trinkstop ein, wäre gerne länger geblieben, aber weiter gehts.

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Einkehr zur Mühle in Amöneburg, schönes Lokal, wäre ich gerne länger geblieben.

Es wird so langsam dunkel und ich installiere die Nachtausrüstung. In Alsfeld gehts auf die Bundesstraße nach Bad Hersfeld. Erfreulich für die Radfahrer, die Vollsperrung der Bundesstraße vor Niederaula macht sie praktisch autofrei, prima zu fahren, trotz Baustelle. Dann verabschiedet sich mein Navi. Die Batterien sind trotz Plastiktüten so nass, dass es ne Weile dauert bis ich wieder weiter kann. In dem Moment kommt Yves, sieben Stunden nicht gesehen. Gemeinsam gehts auf die letzten Kilometer nach Bad Hersfeld. Das Organisationsteam empfängt uns, kurzer Plausch, dann ab zur Tanke. Die Bockwurst kann ich problemlos essen, dazu einen Kräutertee. Frische Socken anziehen, Kette ölen und ab in die Nacht. Es ist mittlerweile gegen 1 Uhr.

Kurz vor Obersuhl merke ich deutliche Anzeichen von Müdigkeit. An einer Stelle verfahre ich mich und beim Wenden legts mich hin, Konzentrationsfehler. Dabei springt die Kette runter und bleibt zwischen Tretlager und Kurbel stecken. Dauert ein bisschen bis ich sie wieder rausgefummelt und aufgelegt habe. In Obersuhl schnappe ich mir ein Bushäuschen und lege einen Powernap ein, zweiter Einsatz für den Regenponcho, als Biwaksack. Ich erhoffe mir auch eine Linderung meiner Magenprobleme, einmal Reset bitte. Klappt aber nicht, direkt nach dem Aufstehen geht die Würgerei aufs neue los. Immerhin fühle ich mich deutlich frischer und kann wieder konzentriert zu Werke gehen.

Eine Stunde später ist Eisenach erreicht. Am Nachtschalter der Tanke besorge ich mir was zu essen und zu trinken. Ich steige jetzt komplett auf Wasser um, keine Zusätze mehr. Mein Frühstück sehe ich trotzdem kurze Zeit später schon wieder. Das wars, der Drops ist gelutscht. Im Schneckentempo krieche ich weiter. Oder soll ich zurück nach Eisenach und mich in den Zug setzen? Eine letzte Chance gebe ich mir noch, vielleicht schaffe ich es bis Naumburg, immerhin Partnerstadt von Achen. Von dort komme ich auch gut mit dem Zug nach Görlitz.

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Kurz vor Eckertsberga. Da freut man sich über flache Strecke, aber im Ort gehts dann hoch zu der Burg links im Bild.

In Bad Langensalza mach ich nochmal Pause, schließe kurz die Augen. Ich zwinge mir ein Gel rein und fahre weiter. Oh Wunder, das Gel bleibt drin und kurzzeitig scheint es Flügel zu verleihe. Über Bad Tennstedt geht es flott mit Rückenwind nach Sömmerda. Dann ist das Strohfeuer erloschen. Noch 50 km bis Naumburg. Wenn ich nur an Essen denke wird mir schlecht. Ich freue mich über jeden Meter flache Strecke, und das obwohl die gelegentlichen Anstiege eigentlich wunderschön sind. Am Ortseingang von Naumburg vollziehe ich den Rennausstieg, Startnummer vom Helm und von der Satteltasche. Als Zivilist rolle ich zum Bahnhof, kaufe ein Ticket nach Görlitz und informiere die Rennleitung. Schade, aber erzwingen macht auch keinen Sinn. Jetzt muss ich mich mal gründlich mit meiner Ernährung beschäftigen, so kann das nicht weitergehen. Ein paar Ideen habe ich schon. Es gibt ja noch ein paar Gelegenheiten was auszuprobieren in diesem Jahr.

In Görlitz komme ich pünktlich zur Siegerehrung und kann ein paar Eindrücke der Finisher gewinnen, v.a. was sich ganz vorne abgespielt hat. Spannend, und sehr beeindruckend. In 29 Stunden hat Matti Köster das Ding gewonnen, meinen Respekt – auch für die anderen Finisher. Und auch Yves hat es geschafft, toll.

Siegerehrung in Görlitz, abends um acht, nicht mehr viel Licht auf der Bühne.