Nach dem Abbruch des Race Across Germany vor einem Monat gilt es herauszufinden, ob ich meinen Verdauungstrakt anders behandeln kann, damit das nicht mehr passiert. Nach Umstellungen der Ernährung im Training brauchte es nun einen richtigen Test. Die Ronde van 12 kam da wie gerufen. Noch dazu ein echtes Schmankerl im holländischen Toertochtkalender, die längste ihrer Art, und mit der Gelegenheit alle 12 niederländischen Provinzen an einem Tag zu sehen. Das ist schonmal eine coole Idee. Und mit ’nur‘ 431 km ist es wahrscheinlich auch die kürzestmögliche Verbindung aller 12 Provinzen. Ich war sehr gespannt wie das werden wird, auch weil es weder als Langstreckenrennen oder Brevet ausgeschrieben ist sondern als Toertocht, den deutschen RTF entsprechend. Das sollte eine andere Fahrerklientel ansprechen als es bei normalen Langstreckenevents der Fall ist. Gestartet wurde die Runde in Nijmegen im Osten des Landes, das Ziel war nahe Groningen im Norden des Landes. Gestempelt wurde unterwegs per App, in jeder Provinz mindestens einmal, davon acht Mal in Van der Valk Hotels – noch eine Besonderheit. Schon cool, in der Hotellobby zu pausieren, ein richtiges Klo zu haben mit richtigen Waschgelegenheiten. Und wer gedacht hat, dass Van der Valk eine Kette ist und alle Hotel identisch angelegt und eingerichtet sind, Pustekuchen, alles anders in jedem der Hotels, ich kann es bestätigen…

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Startbogen am Van der Valk Hotel in Nijmegen Lent. Ich bin der erste Starter vor Ort.

Um das Versprechen in die Tat umzusetzen, die Ronde an einem Tag zu schaffen wurde um Mitternacht gestartet. Stücker 80 Herrschaften fanden sich am Abend des 6.7. in Nijmegen ein. Ich bin direkt vom Büro aus losgefahren, mit dem Zug zum Start. Es war auch mein erster Nachtstart, und ich war gespannt wie sich die Müdigkeit in der Nacht entwickelt, wenn man nicht schon den ganzen Tag im Sattel gesessen hat.

Schon nach 12 km war der erste Stempelposten, Limburg wurde abgehakt. Dann ging es bis Nuland. Eine erste größere Gruppe bildete sich. Die fuhr eine Idee zu langsam, um sich ordentlich warmzufahren. Also überholen und schaun was weiter vorne los ist. Tatsächlich hole ich eine Gruppe ein, fünf Jungs der Wielervereniging Gazgas aus Zwolle. Bis Nuland fahre ich mit. Und von hinten kommen Teile der großen Gruppe auch wieder ran. Die machen alle kürzer Pause als ich (obwohl ich mich echt beeile) und plötzlich bin ich alleine. Ein Navigationsproblem bringt mich wieder in ein kleines Grüppchen, dass nach und nach auch größer wird. Nach 80 km gebe ich die Gruppe auf: wasserlassen, Batterie vom Navi wechseln und mich verpflegen.

Apropos verpflegen: zum ersten Mal probiere ich es bei dieser Tour ohne jede feste Nahrung auszukommen. Alle 2-3 Stunden ein Ensure und alle zehn Minuten drei kräftige Schluck aus der Wasserflasche – mit Maltodextrin angereichert, 80g für die große Flasche, 60g für die kleine Flasche. So ausgestattet sollte ich zumindest rechnerisch genug Saft im Tank haben, mal sehen ob es sich ausgeht.

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Sonnenaufgang von Zeeland in Richtung Brabant – besser als jeder Morgenkaffee vertreibt immer noch Sonne die Müdigkeit.

So gegen vier Uhr kommt massiv die Müdigkeit, ich könnte mich glatt in eine Ecke legen und pennen, hoffe auf die nächste Kontrollstation. Nur die ist ausgerechnet nicht in einem Hotel oder einem ähnlich luxeriösen Ort sondern ein Hof mitten in der Pampa. Kein Platz für einen Powernap. Also Maltopampe in die Flaschen, Koffein zuführen und weiter – und auf die Sonne hoffen, die sich so langsam am Horizont zeigt. Und kaum ist die Sonne da, ist die Müdigkeit wie weggeflogen. Stempel in Zeeland abholen und zurück zur letzten Brabanter Kontrolle. Ab jetzt heisst es Gegenwind, 280 km Wind von vorne. Da ich mittlerweile meine Standzeiten sehr kurz halte (was auch daran liegt, dass ich nichts essen muss) hole ich Gruppen der Nacht wieder auf. In Begleitung von 3 Herren und einer Dame gehts Richtung Norden. Bald ist Zuid-Holland erreicht, nahe der Heimat.

Im Van der Valk Hotel Dordrecht mache ich mich fertig für den Tag. Sonnencreme drauf, neue Lage Sitzcreme und Abfahrt. Meine Begleiter der letzten 2 Stunden wollen offensichtlich länger pausieren, keine Ahnung wo sie stecken. So kann ich alleine die einzig bekannten Streckenabschnitte genießen. Hätte ich zwar nicht mit gerechnet, aber ich rolle auf mehreren Kilometern auf ‚alten Pfaden‘. Das Hotel in Vianen sehe ich nur von außen, stempeln und weiter, nur noch 10 km bis Utrecht, mehr als die Hälfte ist geschafft. Und dort sehe ich dann große Teile der Gruppe von letzter Nacht wieder, verlasse das Hotel auch wieder bevor sie es tut. Durch Utrecht geht es dann etwas zäh, viele Ampeln, und die Gruppe schließt auf. Jetzt geht es etwas flotter weiter. Und fast hätten wir die nächste Kontrolle verpasst, eine Essotanke irgendwo in Hilversum. Eine Pinkelpause zwingt mich dazu, die Gruppe fahren zu lassen. Wieder alleine habe ich auch Gelegenheit für einen Fotostop am Eemmeer. Und doch, oh Wunder, an der nächsten Kontrolle sammel ich die Gruppe wieder ein. Schnell Wasser kaufen und dann Reihe ich mich am Ende ein. Jetzt gehts durch Flevoland. Und wer schonmal da war – da gibt es nichts, flach hoch drei, endlos lange Straßen ins Nirgendwo, der Asphalt flimmert in der Sommersonne – und der Wind pustet schräg von vorne ins Gesicht.

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Brücke über das Eemmeer.

Hatte ich schon erwähnt, dass die fünf Renner aus Zwolle in der Gruppe waren? Die fahren Radrennen und können belgischen Kreisel. Und den ziehen sie jetzt mit der 16 Mann starken Gruppe auf. Man merkte schnell wer es schonmal gemacht hat und wer nicht. Immer wieder gibt es Tips und Hinweise, und lautstarke Kommandos die von hinten nach vorne gerufen werden. Gegenverkehr und zu überholende Radler stören das Gefüge genauso wie Richtungswechsel. Aber für etwa 20 km geht es so weiter, boah ist das anstrengend. Ich trete ungewohnt dicke Gänge, merke das langsam in den Knien. Das ist kein typisches Langstreckenevent, aber Spaß macht es irgendwie doch. Irgendwann überholt ein Moped und ein paar springen mit, dem Moped hinterher, die Gruppe fliegt auseinander. Bis Emmeloord ist es aber nicht mehr weit. Kurz nach den Rennern komme ich dort an, und bin weg als man an den anderen Tischen noch genüsslich kaut.

Jetzt kann ich meinen eigenen Rhythmus fahren, auch wenn mir keiner mehr Windschatten bietet. Den 28er Schnitt kann ich zwar so nicht halten aber seis drum, endlich mal wieder rein in den Langstreckenmodus. An der nächsten Kontrolle stehe ich dem Medienexperten der Ronde zum dritten Mal Rede und Antwort. Wasser fassen, stempeln und weg – gerade als die Gruppe um die Zwoller Renner ankommt. Ich rechne damit, dass ich noch eine Stunde habe, bevor die mich wieder haben, es wird sogar noch ein bisschen mehr. Weiterhin rechne ich, dass die Herrschaften wahrscheinlich eine Stunde weniger im Sattel gesessen haben als ich, dafür mehr Zeit in den Van der Valk Hotels zugebracht habe. Die Strava Daten bestätigen die Vermutung. Rechnen ist ein schöner Zeitvertreib wenn man so alleine für sich gegen den Wind anfährt. Nach weniger als 16 Stunden Fahrzeit (19 Stunden ingesamt) rolle ich durchs Ziel, knapp 28er Schnitt. Schöne Tour, sehr schöne Tour. Muss man schonmal gemacht haben, wenn man in den Niederlanden unterwegs ist.

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Zielbogen in Leek bei Groningen.

Damit war der Tag aber noch nicht zu Ende. Schließlich wollte ich noch nach Hause, um wenigstens einen Tag vom Wochenende noch mit Familie zu haben. Dafür musste ich zunächst nach Groningen, weitere 15 km radeln. Das Problem dort war nur, dass die Zuglinie nach Den Haag an entscheidender Stelle wegen Bauarbeiten unterbrochen war. Nach einer knappen Stunde Zugfahrt und einem sehr erholsamen Powernap hieß es erneut sich aufs Rad zu schwingen und weitere 35 km abzureißen. Navigationsproblemen sei Dank entwickelte sich das dann gegen Ende zu einem echten Rennen. Zwei Minuten vor Abfahrt checke ich in Kampen am Bahnhof ein und kann mich jetzt endlich ein bisschen erholen. Halb eins (a.m.) bin ich dann wieder daheim, knapp 500 km auf der Uhr und das ganze Land gesehen – schon cool was man in gut 24 Stunden so alles schaffen kann. Und das alles ohne irgendwelche Magenprobleme. Energie hatte ich auch genug bis zum Ende. Die Hoffnung bleibt, dass das nicht die letzte Langstrecke war.