Ein Muss für jeden Radfahrer in den Niederlanden, einmal um das Ijsselmeer. Und warum soll man das Ganze nicht an einem Tag fahren. Sind ja nur 300 km. So oder ähnlich müssen die Macher der Ijsselmeer Challenge gedacht haben, und deshalb stehe ich am 19.8. nach einer kurzen Nacht morgens um sechs in Lelystad auf dem Parkplatz des Fashion Outlet. Auto parken, umziehen, Rad fertig packen und dann zum Start. Den zu finden ist schon die erste Herausforderung des Tages, keiner weiß wo der ist. Klogang und Startunterlagen holen dauert dann etwas länger als geplant, sodass ich den offiziellen Start als Zuschauer erlebe. Hollandtypisch ist die erste Gruppe aber überschaubar, kein Massenstart wie bei deutschen Radmarathons.

Zehn Minuten später bin auch ich unterwegs. Nach sowas wie 3-4 km sehe ich aus dem Augenwinkel einen Wegweiser oben am Deich und biege rechts ab. Diese Entdeckung habe ich allerdings exklusiv, und auf einmal bin ich alleine. Kurzer Blick aufs Handy, aber ich bin auf der richtigen Strecke. Also weiter. Irgendwann beginne ich mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich ein 300 km langes Einzelzeitfahren vor mir habe. Doch nach gut 20 km sehe ich vor mir eine große Gruppe Radfahrer unter einer Brücke hervorkommen. Die haben alle 2 km gespart und sind am Deich lang gefahren. Die Gruppe passiere ich und gebe danach mein Bestes sie zu distanzieren, klappt nicht. Doch kaum hat sie mich wieder eingeholt wird eine Pinkelpause angeordnet, ohne mich.

Wenig später fliegt von hinten eine schnelle Gruppe heran, der ich folgen kann. Mit Rückenwind kann man gut mithalten. Nach gut 60 km die erste Kontrolle, am Eingang eines Hotels. Improvisierter Verpflegungsstand, alles sehr eng, für Getränke wird man aufs Klo verwiesen. Gut dass ich meine eigene Versorgung dabeihabe, nächster Teil im Test der Versorgung mit Flüssignahrung.

Nach der Kontrolle kommen kurze Abschnitte gegen den Wind, ein kleiner Vorgeschmack auf das was da noch kommen sollte. Kurz vor dem Afsluitdijk bei 110 km kommt von hinten eine Gruppe. Gute Sache, hilft hoffentlich gegen den Wind auf dem Deich. Wie zu erwarten steht dort der Wind voll im Gesicht, volles Rohr, kein Entkommen. Die Gruppe versucht sich im Belgischen Kreisel, ist aber von der guten Organisation der Kollegen aus Zwolle bei der Ronde van 12 ein gutes Stück entfernt. Ich habe das Gefühl überhaupt keinen Windschatten abzubekommen, und lasse die Herren fahren. Es folgen 25 km die sich wie eine Passfahrt anfühlen, unterbrochen von Kontrolle Nummer 2. Ich kann mich in kleinen Gruppen etwas geschützt bewegen. Doch nach dem Deich geht der Spaß weiter, endlos lange Geraden gegen den Wind, oder mit Seitenwind. Ich versuche die Gruppe zu halten, gehe auch mit durch die Führung, was jedes Mal ein echter Kraftakt ist. Und so langsam beginnt es mir zu dämmern, dass ich das so nicht ewig durchhalten werde.

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Kurz nach Enkhuizen, knapp 60 endlos lange Kilometer bis zur nächsten Kontrolle. Aber immerhin mal Blick aufs Wasser.

Nach 165 km die nächste Kontrolle, und meine Beine protestieren schon heftig. Es dauert auch nicht lange dann kassiere ich die Quittung für die rasante Fahrt bis hierin. Die ersten 110 km ein Schnitt über 32, und selbst gegen den Wind bin ich noch immer mit nem 31er Schnitt unterwegs. Drei Gruppen muss ich in kurzer Folge ziehen lassen, kann ihnen auf der Windkante nicht mehr folgen, und bin dann alleine, ganz alleine. Vielleicht ganz gut so, habe im Moment andere Probleme zu lösen. Kurz spiele ich mit dem Gedanken in Enkhuizen über den Deich zurück nach Lelystad zu fahren, spart 100 km, aber dafür bin ich nicht hierhergekommen, also weiter. Die nächsten 60 km werden hart, eine elende Quälerei, nicht nur weil die Beine nicht mehr wollen sondern auch weil der Rest von mir nicht mehr kann. 60 km können ganz schön lang werden, wenn man jede Kurbelumdrehung erzwingen muss und dazu noch den Wind besiegen muss.

Endlich Edam, endlich die nächste Kontrolle. Ich schnappe mir einen Stuhl und setze mich hin, starre Löcher in die Luft, das tut gut. Nicht das mit den Löchern aber einfach so zu sitzen und nix zu machen. Dann fülle ich die Flaschen und weiter gehts, und es geht besser, selbst der Gegenwind macht mir nicht mehr so zu schaffen. Weitestgehend alleine kämpfe ich mich bis Amsterdam und biege dann so langsam aus dem Wind, yippieh. An einer Tanke tanke ich ne Cola und überspringe dann die letzte Kontrolle. Ich fühle mich wieder richtig gut. Und jetzt mit Rückenwind gleich nochmal besser, Genussradeln, macht Spaß.

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Im Hintergrund Almere geht es am Wasser entlang, und gleich links weg Richtung Lelystad.

An Almere vorbei kann ich mich einer Gruppe anschließen, zumindest für ein paar Kilometer, danke Jungs. Dann mache ich einen kurzen Fotostop und realisiere, dass ich nahe der Strecke der Ronde van 12 bin. Und wenig später bin ich sogar auf der gleichen Strecke und ein Stück gehts dann auf bekanntem Terrain gen Norden. Dann kommt die nächste Gruppe, und ich kann ihr folgen, und ich kann ihr sogar bis Lelystad folgen, 30 km, wie cool ist das denn. Auch ein Stück auf der Windkante überstehe ich in der Gruppe, das macht Spaß, wenn man gut geschützt in einer Windstaffel mitfahren kann. Vielen Dank Jungs. Im Eiltempo sind die letzten 30 km absolviert und nach knapp 310 km ist wieder Batavia Stad in Lelystad erreicht. Geschafft, wer hätte das gedacht, so wie ich mich nach 180 km gefühlt habe. Und das Ganze mit nem knapp 29er Schnitt, viel zu schnell, wäre ich langsamer gefahren wäre ich jetzt wohl nicht so im Eimer. Aber es war eine interessante Erfahrung. Aber auch eine einmalige Erfahrung. Landschaftlich kann die Runde nicht überzeugen, dafür fährt man auch zu wenig am Wasser entlang, mehr unten am Deich, ohne Blick aufs Wasser. Beschilderung war ok, Verpflegung eher mau. Wenn man deutsche Standards bei der Organisation von Radmarathons anlegt ist man hier im Einsternebereich, weniger sollte man auch nicht anbieten. Egal, ich habe es geschafft, Haken dran, aber nochmal werde ich das nicht fahren.

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Hochbetrieb im Ziel…