La Doyenne steht an, wo ich im letzten Jahr so toll unterwegs war. Und tatsächlich haben sich die gesundheitlichen Probleme von unter der Woche verzogen. Am Freitag geht es mir wieder gut und ich beschließe am Samstag aufs Rad zu steigen. Ob ich allerdings auf die lange Strecke gehe entscheide ich spontan, weil die Wetterprognose leider nicht besser geworden ist. Um 6:35 gehe ich auf die Strecke, wieder mal etwas später als geplant. Die Straßen sind nass aber im Moment regnet es nicht. Ich komme gut rein in meinen liebsten der großen Frühjahrsklassiker. Um viertel vor acht passiere ich unsere Ferienunterkunft in Remouchamps das erste Mal. Und dann muss ich mich langsam entscheiden. Dieses Mal ist die Streckenteilung für die lange Strecke schon weit vor der ersten Kontrolle. Da es gut läuft und es im Moment nicht regnet biege ich hinter Aywaille rechts ab, lange Strecke. An der ersten Kontrolle halte ich mich nicht lange auf, es regnet (Überraschung), nicht kalt werden. Auf dem Weg nach Roche en Ardenne entscheide ich mich in eine schnelle Gruppe zu springen. Gute Entscheidung, komme so locker zum ersten richtigen Berg. Oben angekommen ist man leider nicht oben angekommen. Einige kurze Anstiege bei Gegenwind tun mehr weh als gedacht. Und so langsam wird mir klar, ich habe heute nicht die Beine für die lange Strecke.

Die letzte halbe Stunde nach Bastogne wird es dann auch noch so richtig nass, patschnass, radfahren im Vollwaschgang. Ich habe heute mal wasserdichte Socken ausprobiert. Die haben bisher auch gut dichtgehalten aber was zuviel ist, ist zuviel. Solange das Wasser draußen bleibt, sind die echt gut, aber wenn das Wasser mal drin ist, bleibt es drin. Das macht den Füßen keinen Spaß. Spaß machen dann aber die Kilometer nach Houffalize. Mit Rückenwind und den ersten Sonnenstrahlen des Tages kann man sich etwas aufwärmen. Trotzdem frage ich mich, wie ich mit den Beinen heute noch 160 km fahren soll. Nach der Saint-Roch geht es dann auf und ab weiter Richtung Gouvy. Gruppen kann ich keine mehr halten. Fahre mein Schneckentempo alleine weiter.

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Straßen noch feucht, blaue Fetzen am Himmel und das Fahrerfeld dünnt so langsam aus – Situation bei Gouvy an meinem Sockenwechselplatz.

Das Wetter stabilisiert sich und ich entscheide mich die Socken zu wechseln. Ist doch andeutlich angenehmer mit trockenen Füßen unterwegs zu sein. Auch wenn ich nur eine halbe Stunde was davon habe. Auf dem Weg nach Vielsalm kommt der nächste Schauer runter. Allerdings sind die Schauer von nun an nie lang genug um alles zu durchweichen. Und die Pausen zwischen den Schauern lassen Zeit zum trocknen. Lässt sich also aushalten. Apropos Vielsalm, hier war ich letztes Jahr in einem großen Peloton unterwegs und habe den Schnitt auf 29 gepusht. Heute steht der Tacho am Fuß der Cote de Mont-le-Soie bei 25,4 km/h im Schnitt. Das wird ein langer und langsamer Tag. Und so langsam wird es auch einsam um mich herum. Und die fetten Berge folgen jetzt im 8-km-Takt: Wanne, Stockeu, Haute-Levee. Dann nochmal Pause machen. In Franchorchamps wird schon langsam abgebaut. Sind wohl nicht mehr viele Leute unterwegs. Und dann die bekannten Namen: Rosier, Maquisard und Redoute.

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Der nominell schwerste Anstieg (Stockeu) hoch über Stavelot. Und der nächste Regenschauer kündigt sich schon an.

Am Fuß der Redoute wo unsere Ferienwohnung ist habe ich eine Satz trockene Klamotten deponiert, zum wechseln. Nur leider fängt der nächste Schauer gerade bei der Einfahrt nach Remouchamps an. Was solls, trockene Klamotten werden eh überschätzt. Im Schneckentempo krieche ich die Redoute hoch, kaum mehr was los, und ich werde trotzdem angefeuert von den Wohnmobilbesatzungen die dort auf das Profirennen warten. Ich leide mittlerweile richtig, aus den Beinen kommt nix mehr, kein Saft mehr drin. Blick zur Uhr, ob ich das noch bis 19:30 schaffe? Dann ist der offizielle Zielschluss.

Ich lasse die Kontrolle in Sprimont aus und quäle mich die nicht-kategorisierte Cote de Hornay hoch. Die Cote des Forges lasse ich dann rechts liegen. Kein schöner Berg, und in meinem Zustand schon lange kein Spaß mehr. Die Roche-aux-Faucons ist zu steil heute. Mit zwei kurzen Pausen schaffe ich es dennoch, und auch den folgenden und letzten Anstieg des Tages. Man bin ich froh als ich endlich oben bin. Kurzer Anruf bei meiner Frau, Statusbericht und Treffpunkt vereinbaren und dann ab nach Lüttich. Ich hoffe inständig dass es nicht wieder zur Uni hochgeht, aber nein, es geht nur bergab und dann flach ins Ziel, was ein Glück. Um Punkt 19:30 bin ich zurück, werde von meiner Familie in Empfang genommen. Das war ein echt hartes Stück Arbeit. Ich bin richtig platt und meine Beine sind total leer. Habe ich mich beim AGR doch etwas übernommen und noch nicht vollständig regeneriert? Oder bin ich einfach nicht in der Form in der ich sein will? Oder war das einfach nur ein schlechter Tag bei schlechten äußeren Bedingungen? Ich weiß es nicht, aber ich werde das mal beobachten.

Am nächsten Tag heisst es aber erst mal die Profirenners zu beobachten. Um 10 Uhr kommt die Werbekaravane durch und wir geraten mit einer älteren Dame aneinander, die offensichtlich dachte man kann Claims abstecken und alles darin gehört ihr. Ne Stunde später kommen die 174 Profis durch Remouchamps, alle fett in Regenkleidung, weil auch am Sonntag das Wetter nicht wirklich frühlingshaft ist. Schnell entschwindet der Tross gen Bastogne. See you in a couple of hours.

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Das Peloton der Profis im Regen.
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65 km nach Bastogne, und ein bisschen mehr.

Doch vor den Herren kommen die Damen am Nachmittag durch Remouchamps und hoch zur Redoute. Wir stehen kurz hinter dem Festzelt und sehen den Angriff von Annemiek van Vleuten, den entscheidenden Angriff. Niemand kann ihr folgen, auch nicht Lizzie Deignan (geb. Armitstead), die nach Babypause wieder zurück ist und immerhin als siebte in Lüttich reinkommt. Die zweite Werbekarawanendurchfahrt nehmen wir noch an der Redoute mit, was ein Spaß für die Kinder – Mützen, Halstücher, Kugelschreiber, Gummibärchen – alles brauchbare Sachen. Die Herren sehen wir dann unten im Ort, um dann kurz danach aufzubrechen nach Hause. Wir sehen Quick Step das Feld der Favoriten in die Redoute führen, obwohl es heisst das Alaphilippe schon zu diesem Zeitpunkt signalisiert hat, nicht gewinnen zu können. Tatsächlich kann er dann Fuglsang auch nicht folgen an der Roche-aux-Faucons, als der sich alleine auf den Weg nach Lüttich macht. Am Ende ist er etwa 4,5 Stunden schneller unterwegs als ich am Tag zuvor. Schon krass…

Vleuten
Annemiek van Vleuten auf und davon an der Redoute…
Lizzie
…da kommt auch Lizzie Deignan (geb. Armitstead) nicht mit.
Alaphilippe
Funkstille bei Julian Alaphilippe? Egal, rein in die Redoute.
Redoute
Und da fahren sie rein, auf mittlerweile trockenen Straßen. Gute Fahrt.