Am gestrigen Tag stand eigentlich ein Triathlon auf dem Programm, mein erster seit einem Jahr Pause. Doch sowohl Schwimm- als auch Laufform, waren, nunja, unterirdisch wäre noch geprahlt. Und zu einem Triathlon zu fahren nur um teilzunehmen kommt nicht in Frage. Ohne Chance auf eine gute Leistung macht Triathlon nicht wirklich Spaß. Also was tun. Auf der Suche nach Alternativen entdecke ich das Brevet von Bunnik (östlich von Utrecht) via Zoetermeer nach Texel und zurück nach Bunnik. Das wäre doch was. Doch nur zwei Wochen vor Bimbach ein bisschen knapp. Machen wir doch drei Wochen daraus und nutzen das Triathlonwochenende die Tour selbst zu fahren. Statt kurz und heftig schwimmen, radeln und laufen halt einfach ein bisschen länger radeln. Inspiriert von der Strecke des Brevets plotte ich mir eine Variation davon, 380 km insgesamt, genug für einen langen Tag im Radsattel. Die Reise kann beginnen.

Kräftige Schauer waren angesagt für den Tag. Dazu die Unsicherheit welche Schiffe ich bekommen kann (immerhin drei Fährüberfahrten standen auf dem Programm). Die Planung war also nicht ganz so simpel. Wieviel Zeit brauche ich, was nehme ich an Ausrüstung mit? Leichte Streckenkorrekturen bringen etwas Zeitpuffer, damit ich nicht wegen 10 Minuten eine Fähre verpasse. Und Regenzeug kommt auch mit, was solls, lieber mehr geschleppt als dann irgendwo leicht bekleidet in der nordholländischen Pampa in nem Umwetter zu stehen.

smoke
Smoke on the water, fire in the sky – morgens um 6 in den Dünen.

Sechs Uhr geht es los bei frischen 5°C. Die Dünen zwischen Den Haag und Wassenaar liegen noch im Nebel, während die aufgehende Sonne den Himmel in Orange taucht – schön. Je weiter es nach Norden geht, desto mehr stoße ich in unbekannte Gebiete vor. Nach 80 km stand bei Spaandam die erste Fährüberfahrt an, über den Noordzeekanal. Immer die Uhr im Blick werden die letzten Kilometer dahin zu einem kleinen Rennen. Das Boot fährt zwar alle 20 Minuten, aber wenn ich hier schon warten muss wird es mit Blick auf die Texelfähre knapp. 8:48 rolle ich auf die Fähre, 2 Minuten vor Abfahrt. Ein paar Minuten Pause, lecker Reissandwich essen.

20 km weiter bin ich fast in Alkmaar und lege meinen ersten geplanten Tankstopp ein, Flaschen füllen und weiter. Hinter Alkmaar kommen die Dünen immer näher, und das Bewusstsein, dass ich ein Klo brauche. Gar nicht so einfach ein geeignetes Outddoorklo zu finden. Mit erheblichem Zeitverlust gelingt mir das dann doch. Jetzt muss ich mich aber sputen. Es ist 11:00 und noch 36 km bis Den Helder zur Fähre, die um 12:30 ablegt. Der Wind frischt auf – und bläst mir ins Gesicht – auch das noch.

In Petten bekomme ich dann das erste und einzige Mal an diesem Tag Begleitung. War zwar nur für 6 km, aber die wären alleine ziemlich öde gewesen. Dann wieder alleine gehts in die Dünen, ständig auf und ab, aber wunderschöne Strecke. Das letzte Stück bis Den Helder gehts direkt am Deich entlang, coole Strecke. Und ich sehe Texel und das Schiff, es kommt schon, ui, das wird ja doch noch knapp, Gas geben. Gemeinsam mit dem Schiff laufe ich in den Hafen von Den Helder ein, puh, geschafft, bin noch immer im Zeitplan.

dunes
The winds are blowing, the song of the dunes – Dünen auf dem Weg nach Den Helder.

Die verdiente Pause auf dem Schiff fällt allerdings irgendwie aus. Rad anschließen, ab in den Salon und ein Mittagessen schießen (Banane, Käsebrötchen, Chocomel). Essen, Radcomputer laden, mich sortieren, und schon ist Texel erreicht. Dort steht dann eine Inselrundfahrt an, 45 km, gegen die Uhr und gegen den Wind. Und in zwei Stunden fährt das Schiff das ich gerne kriegen möchte. Aber vielleicht lasse ich mir ja auch mehr Zeit, wenn es schön ist.

Schön ist es schon, aber im Endeffekt ist es auch nur ein plattes Stück Land mit zuvielen Autos und zuvielen Touristen. Soviel klingeln musste ich schon lange nicht mehr um voran zu kommen. Da grüßen sich selbst die wenigen Rennradfahrer wieder, was ansonsten nie passiert. Ohne Stop geht es um die Insel rum und nach 1:40 bin ich wieder zurück im Hafen. Noch Zeit für ein Eis und einen Blick hinüber zum Festland. Und auf dem Schiff habe ich dieses Mal Ruhe, 20 Minuten sitzen, die Beine lockern und den Blick aufs Meer genießen, herrlich.

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Oden! Guide our ships – Da kommt das Schiff, das mich zurück nach Den Helder bringt.

Was danach dann kommt hätte ich mir nicht schöner malen kommen. Als erstmal Den Helder hinter mir liegt und ich wieder im offenen Land bin merke ich, dass der Wind zum Glück die Richtung beibehalten hat, und mich jetzt von hinten schiebt. Zudem merke ich, dass die leichten Schwierigkeiten mit Beinen und Pulswerten auf den letzten Kilometern nach Norden verschwunden sind. Auf den vielen langen Geraden gen Süden kann ich es laufen lassen. Und es läuft. Einzig mein Verdauungssystem fühlt sich komisch an. Es macht so langsam zu und ich habe nur hochkalorische Getränke in der Flasche. Die Firma Shell rettet mich dann, spendiert mir eine Tankstelle zur rechten Zeit. Eine Stunde nach dem Tausch des Flascheninhalts ist der Pfropf im Magen weg. Essen geht auch wieder, also weiter gen Süden und den Rückenwind genießen.

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We’ve walked the long road – Lenker geradeaus und gib ihm, am Amsterdam Rijnkanaal.

Um Amsterdam gehts auf gleicher Strecke die ich von Ijsselmeer Challenge kenne. Und dann wartet der Amsterdam Rijnkanaal, 15 km schnurgeradeaus. Mittlerweile habe ich schon über 300 km auf der Uhr und knalle immer noch mit 35-40 Sachen den Kanal entlang. Die Beine arbeiten wie von alleine und der so berühmte und beliebte Flow stellt sich ein. Heute kann ich ewig fahren. Da auch von den versprochenen Schauern nichts zu sehen ist, komme ich echt gut voran. Bis deutlich vor Mitternacht sollte ich es nach Hause schaffen, wer hätte das gedacht. Da hätte ich mir die Nachtausrüstung ja fast sparen können.

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Mirror mirror on the wall – Abendstimmung am Oude Rijn.

Am Oude Rijn rufe ich zu Hause an und verkünde die frohe Botschaft, sage den Kindern gute Nacht und installiere Lampen und Co. Dann geht es in die langsam untergehende Sonne auf mehr und mehr bekannten Strecken. Nach 130 km Rückenwind habe ich mal wieder ein bisschen Wind im Gesicht, aber doch meist von der Seite, und zum Schluss wieder im Rücken. Um halb elf ist es geschafft. Ich hätte mir keinen besseren Tag aussuchen können. Bei besten äußere Bedingunen habe ich eine wirklich schöne Strecke bei toller körperlicher Verfassung absolviert.