Zum 30 jährigen Jubiläum spendieren die Organisatoren dem Radmarathon neue Strecken. Statt gegen die Uhr geht es dieses Jahr mit der Uhr durch die Rhön. Statt einem Fokus auf die nördliche Rhön geht es heuer mehr durch südliche Gefilde, und mehr durch Ausläufer des Vogelsbergs. Schon beim ‚Warmup‘ am Samstag war ausserdem deutlich, dass die neue Streckenführung den Charakter des Heimrennens für mich noch verstärken sollte. Nach den ersten Kilometern Richtung Eichenzell war man schnell auf dem Weg Richtung Motten, wo ich schon seit Jahren nicht mehr gewesen bin. Schön mal wieder über die Wasserscheide zu fahren und dann in mein erstes Radtrainingsrevier überhaupt einzutauchen. Oberzell war früher ein häufig gesehener Ort auf meinen Trainingsrunden und von hier ab kannte ich fast jeden Meter der Strecke. Mit dem Wind im Gesicht gab es auch keine Gefahr, dass die Erinnerungen zu schnell an einem vorbeifliegen. Das hat schon heftig gepustet. Gut dass ich ein winderprobter Küstenradler bin.

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Blick von der Rhein/Weser Wasserscheide an der Mottener Haube zurück nach Motten.

An Sannerz vorbei versuche ich vergeblich das Haus auszumachen, in dem ich mal gewohnt habe. In Vollmerz gehts dann rechts weg nach Hinkelhof, und am Bahnübergang musste ich mal kurz stoppen, geht es doch rechts zu der Kirche wo ich vor 13 Jahren geheiratet habe. Viele Erinnerungen auf der Strecke, wunderbar. Später geht es dann in Sichtweite am Haus meiner Eltern vorbei und dann in die letzten harten Anstiege nach Buchenrod und Hauswurz. Ab Hauswurz haben wir uns soweit gedreht, dass der Wind endlich im Rücken steht. Die letzten 20 km gehen vorbei wie im Flug und nach gut 4 Stunden sind die 113 km im Kasten.

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Aufwärmprogramm für den Marathon erfolgreich absolviert.
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Morgens halb sechs in Bimbach. Start frei für die grosse Runde durch die Rhön.

Am Sonntag heisst es früh aufstehen, Start ist 5:30, stehen doch zum ersten (und einzigen?) Mal 300 km auf dem Programm. Ich beende meine Morgentoilette sehr schnell und bin schon eine Stunde vor dem Start in Bimbach. Cool, Poleposition für mein Auto auf einem Parkplatz meiner Wahl. Und genügend Zeit um alles vorzubereiten und den Fehler vom letzten Jahr zu vermeiden (Flaschen vergessen). Dieses Jahr will ich mit der Meute starten, ist doch absehbar, dass es auf jede Minute ankommen wird, um den Kontrollschluss in Hauswurz bei Kilometer 234 zu schaffen. Bei einem Schnitt von 23,5 brauche ich 10 Stunden bis dahin. Addiert man noch eine Stunde Standzeit sind das 11 Stunden.

Bis zum Fuss der Milseburg nach gut 30 km geht es flott. In einer guten Gruppe ist der Abschnitt nach einer Stunde erledigt. Am Gipfel der Milseburg kommt von hinten eine richtig grosse Gruppe, mit der ich entspannt bis Hilders rolle, erste Kontrolle. Kontrollen auslassen geht nicht, weil man ja stempeln muss, also kurz anhalten, stempeln, einen Schluck trinken, was zu essen greifen und weiter gehts, essen auf Rädern mal anders. In Hilders ist man schon mitten im hoch-runter Modus. Von der Milseburg warten auf 120 km acht kapitale Anstiege mit kaum einmal flachen Passagen dazwischen. Die Simmerhäuser Kuppe kenne ich von den letzten beiden Ausgaben, wo sie gegen Ende der Tour im Profil stand. Dann gehts rechts weg auf einen Abstecher nach Thüringen. Der Weg dorthin ist steil, der Weidberg hat es in sich. Und dann folgt der lange Aufstieg zum Ellenbogen, ebenfalls ein alter Bekannter. In Fladungen habe ich dann immer noch einen 25er Schnitt, macht Mut.

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Auch eine Rhein/Weser Wasserscheide, der Ellenbogen, Blick Richtung Frankenhausen.

Mit dem Stirnberg und dem Heidelstein folgen jetzt zwei neue Gesichter. Zumindest bin ich die bisher aus der Richtung noch nicht gefahren. Hoch auf die Hochrhön, gleich wieder runter, und nochmal hoch. Vor mir stimmt einer ein Lied an, Atemlos, na super, jetzt habe ich einen Ohrwurm, und ich beginne zu reimen. Atemlos durch die Rhön, hoch und runter, wunderschön…ein paar Worte zum Wetter. Es ist perfektes Radfahrwetter, viel Sonne, aber nicht zu warm, und der Wind ist auch zu vernachlässigen, traumhaft. Traumhaft und einfach nur wunderschön ist auch die Landschaft, Blumen blühen, grandiose Aussicht von den Bergen, herrlich. Vorbei am Bauersberg fliege ich hinab nach Bischofsheim, und habe gerade so noch einen 25er Schnitt an der Kontrolle gerettet.

Die Warmverpflegung lasse ich rechts liegen, keine Zeit. Esse ein Stück Kuchen, Banane in die Trikottasche, Flaschen füllen, und weiter. Es geht gleich wieder nach oben, der Kreuzbergsattel wartet. Und dann ‚freue‘ ich mich auf den Totnansberg. Den kenne ich von Rhön 300, aus der Gegenrichtung. Der ist zwar nicht so steil wie erwartet, aber er zieht sich und will und will kein Ende nehmen. Oben angekommen ist der 25er Schnitt Makulatur, und das hole ich auch bis zur Kontrolle nach Riedenberg nicht mehr rein. Mittlerweile steht ne 23 vor dem Komma und Skepsis macht sich breit, den Kontrollschluss zu schaffen. Also wieder nur ein kurzer Stop und weiterfahren.

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Berge satt auch bei neuer Strecke: der Radmarathon in der Übersicht.

Bis Oberzell wartet kein kategorisierter Berg, was nicht heisst die Strecke ist flach. Aber es sind zumindest angenehm zu fahrende Berge, nicht zu steil, nicht zu lang. Dank meiner kurzen Standzeiten spiele ich hier ein nettes Hase-Igel Spiel. Schnelle Fahrer überholen mich am Berg, ich überhole sie an der Kontrollstelle, und dann kommen sie am nächsten Berg wieder zurück. Ich darf es vorwegnehmen, am Ende gewinnen die Hasen und der Igel zieht den Kürzeren. Aber hier und jetzt kann der Igel sich mal in der schnellen Gruppe festsetzen, für ein paar Kilometer. Die Streckenkenntnis hilft mir hier jetzt auch endlich wieder. Ich komme in mein altes Trainingsrevier.

Auf den letzten Metern nach Oberzell philosophiere ich mit einem Begleiter ob das eigentlich gesund ist was wir hier treiben. Schwer zu sagen, aber man kann auf jeden Fall herrlich Kopfrechnen üben. Dieses Mal ist die Rechnung einfach. Wenn ich in 2 Stunden nicht in Hauswurz bin ist das Thema durch. Also wieder die Marathonverpflegung ausgelassen (meine geliebten warmen Würstchen…schnüff) und rein in den nächsten Berg. Der Grosse Nickus wabert schon seit der Streckenpräsentation in meinem Kopf herum. Früher habe ich meist einen Bogen um den Berg gemacht. Mit Steigungen von 20% (und vielleicht sogar mehr) ist das absolut nicht mein Ding.

Von der Bergwertung sind es noch 1,5 Stunden für 36km (bis Hauswurz), mit mehr Abfahrten als Anstiegen, das müsste doch zu machen sein. Hoffnung keimt wieder auf. Hoch auf den Nickus war eklig, runter ist total genial. Bis Elm geht es quasi nur runter. Und dann kommt einer meiner Lieblingsberge, hoch nach Hutten. Meine Füsse beginnen zu brennen. Mehr als 200 km Druck auf einer Stelle der Fusssohle wird so langsam unangenehm. Auf der Abfahrt nach Flieden versuche ich mich in Fussgymnastik. Reicht nicht, der eigentlich schöne Anstieg nach Buchenrod wird zur Qual. Ich will aus den Schuhen raus. Ich sehe das Auto meiner Eltern auf einem Parklatz (ohne Eltern, die stapfen irgendwo durch den Wald), aber warten kann ich mir nicht leisten. Viertel nach vier erreiche ich die Kontrolle in Hauswurz, wow, ein Hoch auf den Rechenschieber im Kopf. Jetzt aber Schuhe aus und auf Socken ein bisschen Verpflegung eingesammelt. Obwohl ich mich gerade nicht so fühle, als ob ich gross was essen kann. Mein Magen ist zwar nicht komplett am Ende wie im letzten Jahr, aber man soll es ja nicht übertreiben.

Um 16:22 biege ich dann links ab Richtung Vogelsberg, während manch anderer 300er Kandidat den kurzen Weg nach Bimbach nimmt. Die Verlockung ist da, aber jetzt wo ich die Chance habe, will ich sie auch nutzen. Es geht zunächst durch weitgehend unbekanntes Terrain. In der Anfahrt zum Hoherodskopf, dem höchsten Berg des Vogelsbergs, schwant mir Böses. Die Strecke kenne ich doch, bin ich sie doch einmal gefahren, nur andersrum. Die Bestätigung kommt in Sichenhausen. Und dann geht es rein in den Anstieg zum Hoherodskopf und mir zieht jemand den Stecker. Ich bin platt, Erinnerungen an die Ardennen werden wach, Lü-Ba-Lü ick hör dir trapsen…knapp 8km bis zum Gipfel, und die sind leider nicht flüssig zu fahren: steil hoch, kurze Abfahrt, nochmal hoch, wieder runter nach Breungeshain und dann die letzten 3km zur Passhöhe. Ich krieche hier hoch. Und immer noch kommen ein paar Hasen von hinten, feuern mich an, sprechen mir Mut zu, das ist toll, danke Jungs.

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Zum letzten Mal über die Rhein/Weser Wasserscheide: der Gipfel des Hoherodskopf im Vogelsberg.

An der Kontrolle in Ilbeshausen ist nicht mehr viel los. Stücker 10 Radler sind noch hier, deren 8 sind noch im Anmarsch, und das wars. Ich bin am Ende des Feldes angekommen, nicht so wirklich überraschend. Aber andere sind auch kaputt. Mein Philosoph von Oberzell hat es auch bis hierher geschafft und sieht auch nicht mehr so frisch aus. Zum Glück gehts jetzt fast nur runter, 28 km zurück nach Bimbach. Das geht zwar nicht mehr wirklich locker, aber es geht. Auf den letzten 10 km trifft die lange Strecke alle anderen Strecken, und man trifft noch den einen oder anderen von den kürzeren Marathonstrecken. Und mittlerweile ist es schon nach 19 Uhr. Der Konrollschluss im Ziel wird glücklicherweise entspannt gesehen, und so bekomme ich auch um halb acht noch einen Berg an Geschenken und mein bestelltes Jubiläumstrikot. Mit Urkunde und Medaille plus T-Shirt, 2 Trikots und einer Assos Mütze geht es auf den Heimweg. Apropos Assos: am Tag zuvor habe ich zum Messepreis die Cento Evo Hose gekauft. Trotz Messepreis immer noch sauteuer aber die haben mich schon länger gereizt. Und was soll ich sagen, herrlich, habe mich selten so gut gefühlt um die Mitte des Körpers. Am Ende tut mir zwar alles irgendwie weh, aber die edlen Teile sind in gutem Zustand.

Was bleibt als Fazit: Bimbach ist toll. Man hat zwar gemerkt, dass der 300er eine grosse Herausforderung für die Organisation war, aber alles hat super geklappt. Die neuen Strecken haben ihren Reiz, Beschilderung wie immer super, dieses Jahr sogar mit Schildern an den wichtigsten Bergen (Länge, Höhenunterschied, max. Steigung). Die Verpflegung musste ich leider weitestgehend ignorieren, um das Zeitlimit zu halten, aber das Angebot war wie immer toll, bis zum Schluss. Selbst an der letzten Kontrolle wurde noch ordentlich aufgetischt. Da kommt man gerne wieder, aber vermutlich nicht nächstes Jahr, wenn alles nach Plan läuft, aber wer weiss das schon.

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Geschenke en masse. Da hat man das Startgeld mehr als wieder reingeholt.