Mooi Nederland ist ein offizielles 600 km Brevet der “Randonneurs Nederland”. Es fand dieses Jahr am Pfingstwochenende statt, an dem ich leider nicht konnte, weil ich eine Verabredung in Bimbach hatte. Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende jetzt (22.-23. Juni) das Sauerland Brevet von Boekelo radeln, auch 600 km. Nachdem ich aber von Mooi Nederland gehört hatte, habe ich mir gedacht, warum nicht 150-200 Euro sparen und vor der Haustür starten – und Mooi Nederland auf eigene Kappe radeln. Die Strecke geht 1,5 km von unserem Haus entlang, das ist doch günstig. 

Nach einigem Hin und Her, beschließe ich, diese Idee in die Tat umzusetzen. Mehr noch, ich beschließe noch mehr Geld zu sparen und komplett als Selbstversorger zu fahren. Drinkwaterkaart sei dank finde ich günstig gelegene öffentliche Trinkwasserstellen, die ich prima in die Route einbauen kann. So brauche ich auch für Wasser nicht zu zahlen. Am Freitag Abend (21.6.) mache ich mich um viertel nach acht auf den Weg, ausgestattet mit genug zu essen und verschiedenen Getränkepulvern sollte ich die 600 km ohne Einkaufsstop auskommen. Ich habe zwar damit relativ viel Gepäck dabei, aber am Ende sollte ich fast leer durch die Gegend fahren, so der Plan, aber es sollte anders kommen.

Die ersten Stunden fahre ich durch bekanntes Gebiet, durch die Dünen Richtung Zandvoort. Das erste Highlight der wirklich schönen Strecke wartet kurz vor Vogelenzang. Im Abendrot führt die Strecke durch Het Langeveld, eine Art Wildgehege mit ganz viel Damwild, sehr schön. So langsam wird es auch in der kürzesten Nacht des Jahres dunkel und ich verliere an einer Bodenunebenheit mein Notrücklicht, na toll, und die Nacht hat noch nicht mal angefangen. 

An der Fähre in Spaandam habe ich wie schon auf der Fahrt nach Texel Glück. Hinter mir geht die Schranke runter und die Fähre legt ab. Ich ziehe mir Knielinge an, die Nacht wird sicher kühl. Dann geht es weiter. Ich beobachte den Horizont und bin gespannt, wie lange man vom Tageslicht noch was sehen wird. 

Ich erreiche den Ijsselmeerdijk und bin auf dem Weg nach Edam, wo ich während der Ijsselmeerchallenge so gelitten habe. Heute rollt es gut. Der Wind weht schwach von hinten und ich komme gut voran. Um 1 Uhr sehe ich immer noch Licht am Horizont. Im Waterland kurz vor Amsterdam habe ich mir eine Wasserstelle ausgekuckt, direkt an der Strecke. Nach etwas Suchen finde ich sie, fülle die Flaschen auf und radel weiter. Die 10 km durch den grünen Gürtel von Amsterdam sind mystisch schön. Der Mond geht auf, noch dreiviertel voll steht er gelb am Himmel. Bodennebel zieht über die grünen Flächen, ich fahre über schmale und gewundene Wege und lausche Froschkonzerten. Unbeschreiblich! 

An Amsterdam und Muiden vorbei erreiche ich das Gooimeer, auf dem Weg nach Almere. Die Strecke kenne ich auch von der Ijsselmeerchallenge. Zu dem Mond der über dem Gooimeer steht und das Wasser in Mondlicht taucht gesellt sich jetzt bereits der Sonnenaufgang. Es ist 2:51 und der Himmel ist schon deutlich in rosa Farbe getaucht. Magisch, für viele Kilometer fahre ich durch diese Welt, links der Sonnenaufgang, rechts der Mond. Am Eemmeer vorbei geht es weiter, nachdem ich die Strecke der Ronde van 12 gekreuzt habe. Das entwickelt sich zu einer best of Tour, wie cool ist das denn.

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Ginkelse Heide am Morgen.

Um den Veluwepark wird es etwas hügelig und durch die Ginkelse Heide ziehen morgendliche Nebelschwaden. Dann runter zum Rhein und weiter Richtung Nijmegen. Auf dem Weg dorthin verlasse ich die offizielle Strecke für ein paar Kilometer, weil in Elst ein Wasserhahn steht. Die Flaschen werden leer und ich brauche Nachschub. Vorher mache ich mich allerdings auf einer Bank mal lang. Nach einer Nacht im Sattel bin ich doch ganz schön müde. Fünf Minuten die Augen schließen hilft schon und ich setze meinen Weg fort. Der Wasserhahn steht an der Kirche in Elst, schöner Platz zum verschnaufen, wo das Leben am Samstag Morgen gerade erwacht. In Lent erreiche ich das Hotel an dem die Ronde van 12 gestartet wird, und fahre bis Nijmegen dann auf der gleichen Strecke, Erinnerungen werden wach. Ab Nijmegen wird es hügelig, und zur Einstimmung geht es richtig hoch, ein richtiger Berg wie man ihn gar nicht erwarten kann, der Jan Dommer van Poldersveldtweg. Dann auf einmal ein deutsches Ortsschild. Entlang der Grenze geht es gen Süden, inkl ein schönes Stück immer auf und ab durch einen Wald. Mitlerweile nähere ich mich der Streckenhalbzeit und es läuft richtig gut. Wenn ich nur nicht so müde wäre…

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Kirche und Wasser im Stadtzentrum von Elst.

Im Nationalpark Maasduinen stoppe ich an der Schleuse zum Reindersmeer, wo ich mit der Familie letztes Jahr im Urlaub wandern war. Es ist exakt Halbzeit und so langsam steht die Sonne höher am Himmel. Zeit die Klamotten zu reduzieren und Sonnencreme ‘anzuziehen’. Dann geht es weiter zur nächsten Wasserstelle in Venray. Die liegt touristisch wenig anspruchsvoll in einem Wohngebiet an einer stark befahrenen Straße. Egal, Hauptsache Wasser. Nach vielen Streckenhighlights, schönen Landschaften, mystischen und magischen Momenten wird es jetzt landschaftlich langweilig und irgendwie auch richtig zäh zu fahren. Mein Rhythmus ist weg, der berühmte Flow will sich nicht mehr einstellen. Und so muss ich mir jeden einzelnen Kilometer erarbeiten, und noch sind davon ganz schön viele übrig, 280 um genau zu sein. Besser wird es erst in Aarle-Rixtel (angeblich grünstes Dorf Europas) und dem Erreichen des Wilhelminakanaals. An dem geht es jetzt an Eindhoven vorbei bis kurz vor Tilburg. Richtig locker geht es zwar immer noch nicht aber zumindest ist die Strecke wieder schön. Für die letzten Kilometer am Kanal fahre ich die gleiche Strecke wie vor Jahresfrist auf meinem Weg nach Bad Neuenahr, noch mehr Erinnerungen.

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Exakt Halbzeit, die Schleuse am Reindersmeer.

Dann kommen die ersten belgischen Kilometer und dann der große Schreck. Nach 410 km sollte Zundert erreicht sein. Als nach 415 km immer noch weit und breit nichts davon zu sehen ist, schau ich mal bei Google Maps nach. Noch 15 km. Nicht nur dass ich fast nichts mehr in den Flaschen habe. Aber heisst das jetzt die ganze Strecke ist länger oder habe ich mich nur beim Extrahieren der Information wo Zundert liegt verrechnet? Immer noch ohne Flow und mit diesen Gedanken im Kopf arbeite ich mich weiter. In Zundert die nächste Enttäuschung, van Gogh macht mir einen Strich durch meine Pläne ohne Einkaufsstop die Runde zu komplettieren. Ich suche und finde nur Baustellen aber keine Wasserstelle rund um den van Gogh Platz. Also doch was kaufen, wie ärgerlich. Wenn das so weitergeht setze ich mich in Roosendaal in den Zug und fahre heim.

Aber es geht nicht so weiter, plötzlich rollt es wieder besser. Auf den nächsten 50 km mache ich richtig Meter, mit Seitenwind rolle ich nach Zeeland hinein und Richtung Goes. Aber der Seitenwind ist ganz schön kräftig, und ich werde mich ihm bald stellen müssen, wenn ich nach Norden drehe. Und das passiert eher als gedacht. Die letzten 125 km werde ich den Wind wohl überwiegend im Gesicht haben. Mein Schnitt liegt aktuell bei 26,8 km/h, sehr schön, wieviel ich davon nach Hause bringen kann, wird sich zeigen.

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Die Oosterschelde ist erreicht…

Über große Kanäle und vorbei an großen Schiffen geht es durch Zeeland und an der Oosterschelde entlang. Die gilt es dann allerdings zu überqueren, offenes Gelände wie es nicht offener geht und der Wind voll von vorne. Unendlich lang werden die 5 km über das Wasser. Zwischendurch stoppe ich und sende einen windigen Gruß nach Hause, Den Kindern gute Nacht sagen. MIttlerweile ist es viertel nach acht und ich bin seit 24h unterwegs. Und die letzten 90 km werden bei dem Wind noch 4 Stunden Zeit brauchen, kein Zuckerschlecken. Vielleicht ist es nur fair, dass ich nach leichtem Gegen- und Rückenwind in der Nacht und Seitenwind am Tag jetzt nochmal den Wind von vorne bekomme, aber so stark, und das bei Müdigkeit und abnehmender Leistung. Hinzu kommt, dass mein Magen sich wieder mal gemeldet habe, und ich seit Zundert nichts mehr gegessen habe.

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…und muss auch bald überquert werden.

Zierikzee ist dann mal eine schöne Abwechslung, schönes altes Städtchen. Dann geht es weiter durchs platte Land und gegen den Wind. Endlich kommt Ouddorp in Sicht, wo ich das letzte Mal meine Flaschen füllen möchte. Wenn ich schon nicht essen kann dann wenigstens Energie trinken. Obwohl ich das Zeug in meinen Flaschen auch schon nicht mehr sehen kann. Der Wasserhahn liegt im Zentrum, am Rathaus, perfekt. Nach der Flaschenfüllung denke ich laut doch noch mal daran was zu essen. Wie auf Bestellung meldet sich der Würgereiz, dann halt nicht. Die letzten 55 km wirds schon noch gehen. Nur das ich dann halt einiges an Verpflegung wieder mit nach Hause schleppen werde.

Auf dem Weg nach Hause wartet allerdings noch eine Barriere, der Nieuwe Waterweg. Dort gibt es eine Fähre, aber nur bis Mitternacht. Hätte zwar nie gedacht, dass das ein Problem werden könnte aber soviel Puffer habe ich echt nicht mehr. Am Orteingang von Nieuwenhoorn sehe ich den Radwegweiser der noch 13 km bis Rozenburg ausweist, von dort fährt die Fähre. Ich möchte bitte diese Fähre kriegen, so rufe ich es in die einbrechende Nacht hinaus. Und just in dem Moment staut sich der Verkehr in dem kleinen Ort. Feuerwehr, Polizei, Straßensperre. Ich drehe eine kleine Runde durch den Ort und komme genau an der eigentlichen Sperre wieder raus. Noch mehr Polizei, zwei Rettungswägen, ein Rettungshubschrauber. Hier gab es eine Messerstecherei mit einem schwer Verwundeten, schlimm, dagegen sind meine Probleme marginal. Aber trotzdem will ich auf das Schiff.

Auf den letzten Kilometern vor Rozenburg dreht sich mein endgültig Magen um. Erbrechen vom Rad kann man üben, zu empfehlen ist es aber nicht. Absolut defensive Fahrweise und vernünftige Verpflegung haben nicht gereicht, mein Verdauungssystem ist unberechenbar und macht was es will. Ich erreiche den Fährhafen und es herrscht noch Betrieb. Ich brauche also nicht hier zu übernachten, oder die Extraschleife um Rotterdam zu fahren. Die letzte Stunde nach Hause durch die Finsternis spule ich mechanisch ab. Den Weg kenne ich im Schlaf, die Beine bewegen sich irgendwie von alleine, und selbst Wasser trinken meide ich, weil es sofort zurückkommt. Das wars mit der Langstrecke, meine Ultracyclingkarriere (wenn es sie denn je gegeben hat) ist am Ende. Ich habe im letzten Jahr viel probiert, aber nichts hat dauerhaft für eine Lösung gesorgt, um mich nonstop auf die langen Strecken zu wagen. Dann werde ich halt die langen Strecken in Zukunft in mehrere Etappen zerlegen und mich als Bikepacker verdingen, schlimm ist das nicht. Und die Nachtfahrten muss ich dann halt separat erledigen, weil das ist schon immer was Besonderes, nachts unterwegs sein, die Atmosphäre aufzusaugen, und Dinge zu sehen die man sonst nicht sieht.

Um viertel nach eins am Sonntagmorgen bin ich zu Hause. Hätte nie gedacht, so lange zu brauchen. Mein Schnitt ist auf den letzten 125 km noch um 1 km/h gefallen. Und die Standzeiten waren auch nicht berauschend: 28:49 inkl. Pausen für 609 km, 23:33 reine Fahrzeit. Das war insgesamt die längste jemals nonstop gefahrene Strecke und die längste Zeit jemals mit dem Rad unterwegs gewesene Tour. Schon toll, aber jetzt bin ich nur noch müde. Schnell noch duschen und dann ins Bett, ein Königreich für ein Bett…

Noch ein Nachtrag sei erlaubt. Zufällig habe ich in einem Jahr in dem Paris-Brest-Paris stattfindet ein Pensum absolviert, dass für die Qualifikation dieses Stelldichein für Randonneure reichen würde: 200 km, 300 km, 400 km und 600 km in den ersten 6 Monaten des Jahres. Nichts davon kann ich also offizielle Quali werten lassen, aber de facto habe ich das im Kasten, wenn ich es denn will, aber ich will ja gar nicht…

Und noch ein Nachtrag, mehr als eine Woche nach der Tour. Als ich am Sonntag nach der Tour erwachte hatte ich einen furchtbar juckenden Ausschlag an Armen und Beinen, der mir noch ein paar durchkratzte Nächte die Erinnerung an diese Tour versüßte. Erst dachte ich an Grasmilben, doch eine Woche später brachte ein Zufall mich auf die Spur der wahren Erreger. Eichenprozesionsspinner treiben in der Gegend um Tilburg ihr Unwesen, sind eine echte Plage in der Gegend. Die fliegenden Haare dieser Biester verursachen den Ausschlag, und vermutlich auch eine massive Irritation im hinteren Gaumenbereich am Tag nach der Tour. Hatte ich noch nie erlebt, soll aber für Mai/Juni nicht untypisch sein. Wieder was gelernt…