Die letzten Wochen hatte ich das Gefühl, meine Form ist so gut wie nie. Ich hatte sehr gut trainiert, hatte eine Grundgeschwindigkeit, die mich fast schon erschreckte. Die Hoffnung war also nicht unberechtigt, dass ich beim Alpenbrevet 2019 vielleicht sogar die Platinrunde schaffen könnte. Das Problem bei der 270km langen Platinrunde des Alpenbrevet über 5 Pässe ist weniger die Länge und Schwere der Strecke als vielmehr das strikte Zeitlimit. Einen 20er Schnitt inkl Pausen sollte man schon auf den Asphalt bringen, um den Kontrollschluss in Airolo nach 135km zu schaffen – und das ist mir in den Alpen in meinem ganzen Leben noch nicht gelungen.

Am Sonntag vor dem Alpenbrevet fahre ich einen letzten Test. Von unserem Feriendomizil in Sedrun gehts auf den Oberalppass und dann weiter über Andermatt nach Altdorf und von dort auf den Klausenpass – 80 km in unter 4 Stunden. Wow, 20 km/h, wenn das kein gutes Omen ist.

Mit diesem guten Gefühl geht es am 24. August nach Andermatt zum Start des Alpenbrevets. Ich hatte den Shuttlebus gebucht, ein großer Postbus mit Radanhänger. Mit großer Sorgfalt werden die Räder verladen und dann geht es über den Oberalppass nach Andermatt. Jörg und sein Bruder waren direkt hinter dem Bus als ich ankomme. Zu Dritt machen wir uns auf dem Weg zum Start, im Zentrum der Stadt.

Die erste Startwelle lassen wir fahren. Mit der zweiten Startwelle geht es bei schönstem Wetter in Richtung Schöllenenschlucht. Ich hatte mal gelesen, dass hier sehr diszipliniert gefahren wird. Das war in meinem Umfeld irgendwie nicht der Fall. Viele überholen, fahren dabei auf die Gegenfahrbahn, das war nicht erlaubt und bringt auch nix, was soll das. Auf dem Weg durch die Schlucht fällt mir ein Kollege im gelben Tour de France Trikot auf. Gelbes Trikot, oranges Rad, filmen mit einer GoPro -alles irgendwie auffällig. Warum das wichtig ist? Abwarten!

In Wassen geht es dann los, rein in den Sustenpass. Am Anfang heisst es Rhythmus finden. Ich verabschiede mich von meinen beiden Begleitern, entledige mich der Weste und Armlinge und gehe in den 18km langen Anstieg. Nach ein paar Tunneln öffnet sich der Blick so langsam nach oben. Irgendwann kommt wohl der Bereich, wo es für Kilometer nur geradeaus nach oben geht, so heisst es, und so richtig beliebt ist der Streckenabschnitt nicht, so heisst es. Aber so früh am Morgen mit dem wunderbaren Licht ist das Bergpanorama grandios. Ich möchte aber keinen Fotostopp machen, keine Zeit verlieren, obwohl mir so langsam klar wird, dass ich langsamer bin als der für Platin nötige Schnitt. Gemäß der Zeittabelle muss ich spätestens 8:36 oben sein und mich gleich in die Abfahrt stürzen. Als ich mich nach kurzer Pause am Pass mit essen und trinken auf den Weg nach unten mache ist es 8:52. Byebye Platin…

…oder doch nicht? Die Abfahrt nach Innertkirchen ist lang, 27km, und wie bergauf werde ich auch bergab ständig überholt. Manche bremsen einfach später oder haben mehr Mut oder sind einfach bereit mehr Risiko zu gehen. Aber langsam bin ich auch nicht, denn beim Passieren der Zeitmessmatte in Innertkirchen bin ich wieder im Soll, genau auf die Minute. Doch jetzt stehen 25km Bergfahrt an, der Grimsel wartet. Und irgendwie kommt mir der untere Teil nicht entgegen. Auf einen ersten Anstieg folgt ein Flachstück, dann die nächste Rampe und dann ein Flachstück – so geht es fröhlich weiter. Das Ganze bei ziemlich viel Verkehr. Autos und Motorräder fahren rauf und runter. In den Tunneln herrscht ohrenbetäubender Lärm wegen der vielen Motorräder. Dazu viele Radfahrer, auch weil in Innertkirchen die Bronzeradler aus Meiringen mitspielen.

An der Gelmerbahn Talstation beginnt ein weiteres Flachstück und dann geht der Pass so richtig los. Steile Serpentinen und dann ein Tunnel der von den Radlern umfahren wird. Herrliches Stück Straße, ruhig, keine motorisierten Verkehrsteilnehmer. Und dann öffnet sich auch der Blick zur ersten Staumauer. Jetzt wird es endlich alpin. Aber ich bin langsam unterwegs. Platin verschwindet am Horizont. Dann kann ich auch ein paar Fotopausen einlegen. Wann komme ich nochmal hierher, bei so phantastischem Wetter.

Die beiden Stauseen passierend schraube ich mich nach oben und bin dann endlich am Grimselpass. Bei etwa gleicher Länge und Höhendifferenz wie der Klausenpass bin ich hier etwa 20 Minuten länger unterwegs wie letzten Sonntag am Klausenpass. Aber der Susten als Ouverture ist auch ein anderes Kaliber als der Oberalp. Damit bin ich jetzt eine halbe Stunde hinter dem Platinschnitt aber zwei Stunden vor dem langsamsten Golddurchschnitt. Das schaffe ich also locker. Die Verpflegung am Grimselpass ist ziemlich überfüllt. Viel Platz hat man den Organisatoren nicht zugebilligt. Da haben es auch die Alphornbläser schwer, für gute Stimmung zu sorgen.

Nach einer viel zu langen Pause gehts wieder runter. Dabei fällt der Blick auch auf die mickrigen Überreste des Rhonegletschers. Das sah in den 90ern noch ganz anders aus. In Gletsch verabschieden sich Bronze und Silber gen Furkapass. Die Platinkandidaten sind alle weg. Es wird also von nun an ruhiger um all die goldigen Jungs und Mädels.

In Ulrichen gehts in den Nufenenpass, die einzige mir bekannte Auffahrt der Goldstrecke. Doch lang lang ist es her, vergessen die steilen Rampen. Dazu die Mittagssonne, der Schweiß brennt in den Augen. Die Gesichter sind von nun an auch immer die gleichen. Einen Schwaben überhole ich nach jedem Fotostopp. Ebenso zwei Holländer und einen Thailänder. Das ist ja mal ne weite Anreise.

Mit einer Stunde Verspätung auf Platin erreiche ich die Passhöhe. Auf über 2400 m Höhe ist es spürbar kalt. Essen, trinken, einen Becher warme Brühe, und ab gehts nach Airolo. Auf Betonplatten verläuft der erste Teil der Abfahrt, nicht schön, aber auch nicht so schlimm wie erwartet. In der Anfahrt zur Verpflegung in Airolo hätten 1-2 Wegweiser geholfen (zumindest habe ich keine gesehen). Nochmal Flaschen auffüllen und rein in den Gotthard, nochmal 12,5km bergauf.

Passauffahrt mit Massage, so hat es der Ein oder Andere im Vorfeld beschrieben. Das Val Tremola lag vor mir, das Tal des Zitterns – berühmt, berüchtigt, spektakulär. Die alte Passstraße ist noch mit Kopfsteinpflaster ausgestattet. Die ersten 2,5 km sind noch voll asphaltiert. Dann folgen die ersten Pflasterpassagen, unterbrochen von Asphalt. Sechs Kilometer vor der Passhöhe am Hospiz wird das Tal enger und der Asphalt endet endgültig. Von nun an schraubt sich die Straße in engen gepflasterten Serpentinen nach oben, ein wahrer Nudeltopf aus Serpentinen, herrlich. Einzig die betonierte Regenrinne bietet die Möglichkeit, der Dauermassage zu entkommen.

Und wieder die gleichen Gesichter, zunehmend mehr lächelnde Gesichter, macht sich doch die Gewissheit breit, es ist bald geschafft. Auf der Passhöhe ist die Entspannung überall greifbar. Nur noch eine rauschende Abfahrt trennt die Goldradler vom Ziel. Doch für mich wartet noch eine Extrarunde. Platin nicht geschafft zu haben heisst noch lange nicht den fünften Pass in den Wind zu schreiben. Noch ist es früh am Tag, es ist 17 Uhr und der Tag hat noch 4 Stunden Licht. Nach der Zieldurchfahrt, einer kurzen Verpflegung und dem Abholen des Finishertrikots gehts ins eigentliche Finale. Ich will zurück nach Sedrun, mit dem Rad, über den Oberalppass. Die 600 Höhenmeter auf 10km Passfahrt sollten nicht das Problem sein. Außerdem kann ich so mal schauen, wie sich die Platinkandidaten so geben.

Schon der Wahnsinn, ich habe gerade eben Gold beendet und schon kommen die ersten Platin Finisher ins Ziel, die 100 km mehr auf dem Tacho haben. Respekt! Für mich ist der letzte Pass selbst am Ende des Tages eine ziemlich lockere Sache. Auf der anderen Seite des Passes, kurz vor Dieni kommt mir ein gelbes Trikot auf orangem Rennrad entgegen. Ha, wenn ich es geschafft hätte dem Kerl zu folgen, wäre ich jetzt auch hier, auf dem Weg nach Andermatt. Jamei, so bin ich auf dem Weg nach Sedrun und komme pünktlich zum Abendessen nach Hause. Ist auch viel wert. Am Ende stehen gut 180 km und fast 5500 Höhenmeter zu Buche. Ich bin sehr zufrieden. Auch weil das Val Tremola sicher spektakulärer ist als der Ausflug zum Lukmanierpass.