Nach dem Abschied vom Ultracycling wollte ich dieses Jahr dann doch noch mal Bikepackingluft schnuppern, lange Strecken auf mehrere Tage verteilen mit einer anständigen Übernachtung dazwischen. Der Hamburg Urlaub in den Herbstferien kam dafür wie gerufen. Warum nicht eine Strecke mit dem Rad fahren? 530 km in zwei Tagen, dazu eine Hotelübernachtung, klingt machbar. Wenn das kleine Wörtchen wenn nicht wäre.

Zunächst hatte mich im September eine Erkältung 4 Wochen vom Rad geholt, sodass ich vor Hamburg nur 3 mal auf dem Rad saß. Fühlte sich an wie am Saisonanfang. Die Fahrt nach Hamburg versaute mir das Wetter mit heftigen Schauern. Bleibt die Rückfahrt von Hamburg und eine Woche Zeit mein Hinterrad dicht zu kriegen – die nächste Baustelle. Tubeless flicken für Anfänger, gar nicht so einfach, aber es gelingt, mit Wasserprobe und Sekundenkleber. Am Freitag (25.10.) sollte es losgehen, und am Vorabend entscheidet sich Petrus die herbstfeuchte Luft der letzten Tage am Freitag und Samstag gründlich trockenzupusten. Windstärke 4-5 sind vorhergesagt, aus Südwest, genau meine Richtung, prima. Dann ist ja alles bestens bereit für eine schöne Tour nach Hause.

Im Dunkeln mache ich mich auf den Weg. Und die Wetterfrösche hatten nicht zu viel versprochen. Kräftige Brise mitten ins Gesicht. Nach einigen Kilometern durch dunkle Apfelplantagen im Alten Land (Olland) gesellt sich Regen dazu. Da will mich wohl jemand auf die Probe stellen. Nach ner Stunde wird es so langsam hell, obwohl von Sonne nix zu sehen ist. Der Regen hört auch auf. Und die ersten schönen Streckenabschnitte stellen sich ein. Das Stück durchs Horner Holz bis nach Bremervörde ist herrlich zu fahren. Ab Bremervörde ist es damit vorbei, Bundesstraße ist angesagt für viele viele Kilometer. Das kommt wohl davon wenn man sich eine Strecke im Eiltempo plottet ohne Kenntnis der Gegend und nur darauf bedacht ist die kürzeste Verbindung von A nach B zu finden. Immerhin gibt es Radwege zwischen den Ortschaften, parallel der Straße, aber man muss sich zumindest nicht den Platz mit den LKW teilen. Nur komisch dass 80% der Radwege die ich an dem Tag fahre parallel der Gegenfahrbahn verlaufen. Ich muss also regelmäßig die Seite wechseln, wenn ein Ort ohne vernünftigen Radweg ausgestattet ist.

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Ganz schön viel Wasser zwischen hier und da, die Weser bei Brake.

Nach 90km erreiche ich die Weserfähre, berühmt für ihre Bockwurst. Im kleinen Cafe an Bord ist es kuschelig warm, dazu die warme Bockwurst, sehr angenehm, hier könnte ich noch ein bisschen mitfahren. Stattdessen geht es wieder raus in den Wind. Der ist jetzt gefühlt stärker als zuvor, kein Baum oder Strauch der sich ihm in den Weg stellt. Und das obwohl ich gerade das jetzt aus einem anderen Grund brauche. Ich muss mal, groß, und die einzigen Stellen wo man sich mal hinter einem Baum verstecken könnte sind die Gehöfte der Bauern. Ich kann doch nicht den Bauern in die Hofeinfahrt… Man kommt außerhalb der Hofeinfahrten nicht mal von der Straße runter, weil links und rechts Gräben verlaufen. Für 20km geht das so, dann finde ich zwischen Jade und Jaderberg einen schönen Fleck, der sich auch hervorragend als Nachtlager eignen würde, wenn man denn richtig bikepacken würde.

Danach bleibt der Eindruck, dass es landschaftlich ziemlich öde ist. Das ändert sich mit Erreichen der Jümme bei Detern. Hier kennt man auch das holländische Fietsknoten System und hat es kopiert. Wenn es das deutschlandweit gäbe…kurz vor Neuburg kann ich nicht anders und entfliehe dem Wind für ein paar Minuten in ein Holzhäuschen am Wegesrand. Zwei Minuten die Augen schließen tut gut, es ist doch nur ein bisschen Wind. In Collinghorst wollte ich mich an der Avia Tanke versorgen. Nur leider ist der Avia Shop einem Fotoatelier gewichen. Frustration macht sich breit. Zum Glück gibts um die Ecke auch einen kleinen Supermarkt mit Bäcker. Alles wieder im Lot.

Von Collinghorst sind es jetzt noch 100km bis zum Tagesziel in Spier. Irgendwie beginnt es jetzt zu rollen, keine Ahnung warum, aber die nächsten zwei Stunden fahre ich mich in einen guten Rhythmus. An Papenburg vorbei und an der Ems entlang geht es Richtung Holland. Sellingen ist dann der erste Ort auf der anderen Seite der Grenze. Von hier sind es noch gut 60km und so langsam wird klar, dass ich es nicht mehr bei Tageslicht bis Spier schaffe. Aber ich habe keine Wahl, mein Hotel ist gebucht und Züge gibt es hier nicht, mit denen man abkürzen könnte.

Der landschaftlich schönste Teil des Tages beginnt nun da es langsam dunkel wird. Durch herbstlich bunte Wälder zu fahren ist ohne Licht nicht wirklich bunt. Kurven antizipiere ich mit dem Navi und taste mich weiter gen Westen. Um 20:30 schließt die Küche in meinem Hotel, was mich zur Eile nötigt. Und es ist tatsächlich schon nach acht als ich endlich mein Tagesziel erreiche. Schnell einchecken und dann ungeduscht was essen. Danach duschen, mein 7-8 Sachen sortieren und ab ins Bett.

Am nächsten Morgen ist sofort klar, dass die Lockerheit mit der ich am Abend Richtung Spier gerollt bin nicht mehr vorhanden ist. Es kostet ein wenig Überwindung mich aufs Rad zu schwingen. Den schönen Teil durchs Dwingelderveld schenke ich mir. Im Dunkeln sicher kein Vergnügen, zumal ich nicht weiss wie die Wege beschaffen sind. Fahre ich also außen herum. 

Es sind an diesem Tag definitv fünf Windstärken. Habe ich es tags zuvor noch auf einen 24er Schnitt gebracht, komme ich jetzt nicht mal mehr auf einen 22er Schnitt. Es geht richtig zäh und nur langsam schiebe ich mich voran. Der Nationalpark Weerribben-Wieden sorgt für Abwechslung, und so langsam kommt auch die Sonne raus.

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Zweite Fähre der Tour, auf dem Weg nach Kampen.
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Blick auf Kampen, über die Ijssel hinweg in die Altstadt.

In Kampen suche ich eine Trinkwasserstelle, aber die hat wohl jemand abgebaut. Ich stelle die Suche ein. Bis Elbburg sollten meine Vorräte noch reichen. Ich erreiche das Veluwemeer und den Streckenabschnitt auf den ich mich gefreut habe: 80km ständig am Wasser entlang. An diesem Tag heisst es aber auch 80km ständig fünf Windstärken im Gesicht. Am Anfang kann man sich noch hin und wieder in kleinen Wäldchen verstecken. Dann kommt Elbburg und am Hafen die wohl luxeriöseste Trinkwasserstelle die ich in diesem Land bisher gesehen habe. Danach gibt es keine Wäldchen mehr. Direkt am Wasser heisst es ständig Druck auf die Kurbel zu bringen um nicht stehenzubleiben. Und trotzdem fühlt es sich an als ob man steht, so langsam komme ich voran. Wie soll das gehen, es ist 13 Uhr und ich habe noch lange nicht die Hälfte der Strecke geschafft.

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Luxus pur, Flaschen füllen bei Elbburg. Vermutlich für die Schiffe und Boote im Hafen gemacht und nicht für durstige Radfahrer.

Auf das Veluwemeer folgt die Wolderwijd und dann die Nuldernauw. Endlich mal wieder ein bisschen Wald. Danach biegt die Strecke entlang von Eem- und Gooimeer leicht nach NW und damit kommt der Wind jetzt von der Seite oder von ganz leicht schräg hinten. Was für eine Wohltat, endlich fühlt sich das mal an wie radfahren. Es ist schon eine Weile her, dass ich mal 30km/h auf dem Tacho gesehen habe. Schnell kommt Almere in Sichtweite. Trotzdem, die Vorstellung jetzt nochmal mehr als 100km zu fahren, dann wieder voll im Wind (nach Almere geht es wieder genau nach SW) motivieren nicht wirklich. Mehr als 4 Stunden wird das sicher noch dauern, und der Himmel zeigt schon erste Anzeichen von Abendrot. Nix gegen radeln im dunkeln, aber ich habe trotzdem keinen Bock mehr. 

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Strand an der Nuldernauw. Letzte Pause 28 km vor Almere. Viele Wellen, der Baum liegt gut im Wind und den trockenen Sand der über den Boden geblasen wird sieht man hier gar nicht.

Ich fahre nach Almere Centrum Richtung Bahnhof. Von dort fahren regelmäßig Züge direkt nach Den Haag. In einer Stunde bin ich dort und muss dann nur noch durch die Stadt nach Hause radeln. Dort bin ich dann sogar noch vor meiner Familie, die mit dem Auto von Hamburg nach Den Haag unterwegs ist. Bis zum Eintreffen von Frau und Kindern habe ich das Reiserad wieder in ein Rennrad verwandelt und alle Ausrüstung verstaut. Damit steht einem schönen Familienabend nichts mehr im Weg, statt mit dem Wind um die Wette zu fahren.

Was bleibt als Fazit. Der Wind ist und bleibt ein ernstzunehmender Gegner, für Kopf und Beine. Am Freitag habe ich das Geduldsspiel mit dem Wind für mich entschieden. Am Samstag hat der Wind gewonnen, und die Verlockung eine gute Zuganbindung zu haben. Ansonsten war ich körperlich doch besser in Schuss als gedacht. Trotz fehlendem Training kam ich ganz gut voran und meine Beine waren zwar müde aber haben immer noch gut funktioniert am Ende der 2 Tage. An der Ausrüstung muss ich sicherlich noch etwas feilen, um für längere Strecken über mehrere Tage mit mehr als einer Übernachtung gerüstet zu sein. Das vor allem auch weil mein kleiner Rahmen mir nicht die Staumöglichkeiten bietet, die großgewachsene Radsportler haben. Ohne Rahmentasche muss ich effektiver packen um alles am Rad unterzubringen. Immerhin habe ich jetzt eine Lenkertasche, die nicht mehr auf dem Vorderrad schleift (auch so ein Preis kleiner Rahmen). Nächstes Jahr gehts weiter in diesem Theater.